Yes or No: Schottland und die Linke zwischen Unabhängigkeit und Nationalismus

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Es ist soweit,2014+36 scotland small(1) das Referendum zur Unabhängigkeit Schottlands hat begonnen und bildet damit den Höhepunkt einer intensiven Diskussion, die nicht erst in den letzten Wochen startete sondern seit Monaten, Jahren und Jahrzehnten die SchottInnen bewegt. NationalistInnen, konservative Kräfte und Rechte haben sich gleichermaßen wie die progressiven Kräfte und die Linke sowohl im Yes als auch im No Lager verteilt. Gerade in den letzten Wochen gab es jedoch vor allem auf der Linken eine starke Befürwortung einer Unabhängigkeit gestützt von dem Traum, dass im neuen Schottland nicht nur ein Sozial– und Wohlfahrtsstaat entsteht bzw. ausgebaut werden könnte, sondern überhaupt ein neuer Typ von Staat, der sich der Globalisierung, dem Neoliberalismus und dem allgemeinen Austeritätskurs wie ein gallisches Dorf entgegenstellt. Die GegnerInnen wiederum haben davor gewarnt, sich mit rechten Nationalisten in ein Boot zu setzen und zu viel Hoffnung auf ein sozialistisches Schottland zu verschwenden, würde dieser neue Staat doch seine Unabhängigkeit hauptsächlich durch Ölförderung und seine Rolle als Steueroase absichern.

Die Entscheidung werden heute die SchottInnen selbst treffen, doch soll hier ein kurzer Überblick über die spannendsten Artikel zu der Positionierung der Linken in der Schottischen Frage zusammengestellt werden:

Der Traum vom unabhängigen Wohlfahrtsstaat und die Angst vor dem Nationalismus

Einen guten Überblick über die Argumente und Streitpunkte der Linken zu Schottland gibt es in dieser spannende Debatte auf Democracy Now zwischen Bily Bragg, Befürworter der Unabhängigkeit, und Sam Wetherell, einen Historiker, der vor den Gefahren der Unabhängigkeit und des aufkeimenden Nationalismus warnt.

Artikel:

Why Scotland Should Vote Yes. A non-nationalist argument for Scottish independence
by Neil Davidson
ursprünglich in Radical Philosophy erschienen wurde der Artikel für das Jacobin Magazine angepasst und bietet wohl den informiertesten, umfassendsten und best-argumentiertesten Überblick über die Gründe warum die radikale Linke eine Unabhängigkeit Schottlands begrüßen sollte, dabei werden auch viele Gegenargumente versucht zu widerlegen. Lesenswert!

Exit Stage Right: The Case Against Scottish Independence
Without a socialist consciousness, an independent Scotland risks becoming a smaller — and even more reactionary — version of its southern neighbors.

by Sam Wetherell
Einige Argumente des Autors dieses Textes, ebenfalls aus dem Jacobin Magazine, können auch in der oben verlinkten Debatte auf Democracy Now nachgeschaut werden. Er warnt hauptsächlich vor dem Pakt mit reaktionären NationalistInnen, sowie vor der wirtschaftlichen Abhängigkeit eines unabhängigen Schottlands von Öl und Finanzwirtschaft, einer Abhängigkeit, die Wohlfahrtsstaat und progressive Politiken in Schottland mehr gefährden würde als die Torys und die Londoner City es jetzt bereits tun.

A proposal on the Scottish referendum: “Yes, but…”
by Gordon Asher
Ein Beitrag/Empfehlung/Aufruf des ROARMag.org, dass die Unabhängigkeit alleine noch keine neue Politik bringt, sondern dass es Soziale Bewegungen braucht, die gegen Globalisierung und Neoliberalismus weiterkämpfen, egal welche der (heterogen aufgestellten) Seiten auch immer gewinnen mag.

Britain in meltdown? – New Statesman Überblick

Einen weiten Überblick mit vielen Meinungen und zahllosen Kommentaren, Artikeln und Berichten liefert das von mir hoch geschätzte Magazin New Statesman, wer ins Detail gehen mag sollte sich hier herumklicken.

Deleuze, Guattari and the Scottish independence referendum
by James Williams
Ein philosophisch (mit Deleuze und Guattari) informierter und argumentierender Versuch diese so schwierige Frage zu lösen, kann hier gelesen werden. Williams greift dabei vor allem auf die deleuzo-guattarischen Begriffe der Deterritorialisierung und der Reterritorialisierung zurück, und zeigt auf, wie bei der vermeintlichen Auflösung und Propagierung einer Grenzenlosigkeit auch immer neue Ausschlüsse und Grenzen aufgebaut werden, wie es vor allem am Bsp. der EU sichtbar wird:

A border is always a point where a nation begins to be undone and where it emerges. For instance, the current trend towards fortress Europe in relation to immigration is dissolving an ideal of openness and universality for European nations. It is made by a deterritorialisation of Europe as defined by its Kantian cosmopolitan heritage. It is also made by a reterritorialisation around a new image of siege and of ideas about what it means to be indigenous Europeans. The ‘and’ is important here because it means that any emerging territory must be considered in terms of its multiple deterritorialisations and reterritorialisations rather than according to one side or the other, or according to a restricted selection of some processes.”

Nach dieser nicht ganz uninteressanten allgemeineren Hinführung, versucht Williams diese theoretischen Konzepte auf die Frage nach den Möglichkeiten durch eine Unabhängigkeit Schottlands anzuwenden. Schottlands Unabhängigkeit wäre eine Chance – so gibt sich Williams gleichermaßen überzeugt wie vielleicht auch naiv – einen „progressiven Staat“ und eine „neue Demokratie“ in Schottland entstehen zu lassen. Ob und vor allem wie Schottland diesen emanzipativen Weg gehen sollte, wenn es sich vom neoliberal dominierten England lossagen sollte, wie dieser neue Staat sich also vor Globalisierung und internationalen Herrschaftsverhältnissen schützen könnte, beantwortet auch dieser Text nicht.
Trotzdem ein durchaus lesenswerter und theoretisch informierter Beitrag zur Frage der Woche.

Wie so oft hat John Oliver in seiner Last Week Tonight Show einen informativen wie gleichermaßen witzigen Part zum Referendum gemacht:

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