Psychopolitik — Byung-Chul Han (Rezension)

In seinem 2014 erschienen Buch „Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken“ führt der vom Verlag als der „neue Star der deutschen Philosophie“ angepriesene Byung-Chul Han4B56696D677C7C34363132373435377C7C434F50 seinen Kampf gegen die Netzgesellschaft wie auch gegen Neoliberalismus und Postdemokratie fort. Untermauert von Philosophie und Soziologie, exemplifiziert an Ausschnitten aus der artifiziellen Welt des Neusprechs des Marketings und der Kommunikationsagenturen entwirft Han ein sich selbst äußerst kritisch gerierendes Bild des aktuellen Kapitalismus und seiner Machttechniken. Völlig unzusammenhängend werden eine Vielzahl an Begriffen aufgeworfen, kaum ein Begriff wird dabei jedoch wirklich ernsthaft analysiert, kaum eine Idee kohärent verfolgt, übrig bleibt ein zusammengewürfeltes Sammelsurium altbekannter Kritiken am Neoliberalismus verpackt in einer aufgesetzten, pseudokritischen Kampfrhetorik.
So polemisiert Han also munter und wortreich gegen die „smarte Macht“ (25), die „Diktatur der Transparenz“ (18), den „Kapitalismus der Emotionen“, die „Gamifizierung“ (69), die „Totalprotokollierung“ des „Selbst“ (82), und natürlich den ominösen „Schwarm“ — den er bereits in einem früheren Buch (2013) auf die Produktion des so grausamen Shitstorms reduzierte. Seit mehreren Büchern vom schon angesprochenen „Im Schwarm“ bis zur „Müdigkeitsgesellschaft“ propagiert Han so die ewig gleichen – wenn auch nicht immer prinzipiell uninteressanten – Thesen, doch wie so oft gilt auch hier, dass die bloße Wiederholung ewig-gleicher Thesen, diesen weder mehr Tiefe noch mehr Gewicht verleiht.

Freiheitsphantasien

Die Freiheit wird eine Episode gewesen sein. Episode heißt Zwischenstück. Das Gefühl der Freiheit stellt sich im Übergang von einer Lebensform zur anderen ein, bis sich diese selbst als Zwangsform erweist.“ (9)

So schreibt Han gleich zu Beginn seines Buches und verweist damit auf eine bekannte Kritik am vermeintlich freien unternehmerischen Selbst, das der Neoliberalismus von Kultur über Werbung bis hin zu den täglichen Wirtschaftsnachrichten propagiert. Die von Foucault identifizierte Ära der Disziplinargesellschaft scheint Geschichte zu sein, in den schon 1990 von Deleuze beschriebenen „Kontrollgesellschaften“ auf die auch Han des Öfteren eingeht, beutet sich das unternehmerische Selbst selbst aus und begreift sich doch dabei als ein freies Individuum. Das sei – so Han – die eigentliche Meisterleistung des neoliberalen Kapitalismus, denn er hätte es geschafft die Freiheit selbst auszubeuten. Verschuldet, prekarisiert und immer nahe am oder bereits längst mitten im Burnout wähnen sich die unternehmerischen Selbste als die freien Leistungsträger der Gesellschaft, die nicht mehr für einen Chef arbeiten müssen, nicht mehr unterdrückt werden, sondern selbstbestimmt an der eigenen Ausbeutung mitarbeiten.
So weit, so bekannt. Doch um sich von den zahllosen Publikationen die sich mit diesen Phänomenen in viel fundierterer Form auseinandergesetzt haben abzusetzen, neigt Han zur für selbsternannte deutsche „Starphilosophen“ ganz üblichen rhetorischen Strategie der grenzenlosen Verallgemeinerung und absurden Übertreibung. So gelingt es Han mit erstaunlicher Ignoranz gegenüber tatsächlichen Gesellschaftsverhältnissen, das Ende jeglicher Fremdausbeutung, damit auch das Ende der Klassengesellschaft zu postulieren, denn die paradigmatische Form der Ausbeutung ist ja schließlich die Selbstausbeutung. Globale Herrschaftsverhältnisse und globalisierte Produktionsstrukturen ignorierend, beschwört er das Selbst zum Herrn und Knecht in Personalunion. Da darf es auch nicht weiter verwundern, wenn Han jegliche Formen gesellschaftlicher Diskriminierung, seien sie rassistischer, sexistischer oder anderer Art überhaupt unerwähnt lässt, schließlich passt das nicht in die These. In gewisser Form reproduziert Han damit jedoch nur die neoliberale Ideologie, denn die Reduzierung auf das Individuum, auf das unterworfene und sich selbst ständig unterwerfende Subjekt, reproduziert selbst in ihrer Kritik das altbekannte neoliberale Diktum: „There is no such thing as a society“. So ist für Han die Soziabilität vollkommen verschwunden, selbst der Klassenkampf findet nur noch im Individuum selbst statt, welches nun sogar einem Lager gleicht, indem es Opfer und Täter zugleich sei, wie Han an den absurdesten Stellen des Buches schreibt:

Nicht die kommunistische Revolution, sondern der Neoliberalismus beseitigt die fremdausgebeutete Arbeiterklasse. Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmens. Jeder ist Herr und Knecht in einer Person. Auch der Klassenkampf verwandelt sich in einen inneren Kampf mit sich selbst.
Im neoliberalen Regime existiert eigentlich kein Proletariat, keine Arbeiterklasse, die vom Eigentümer der Produktionsmittel ausgebeutet würde. In der immateriellen Produktion besitzt jeder ohnehin sein Produktionsmittel selbst. Das neoliberale System ist kein Klassensystem im eigentlichen Sinne mehr. Es besteht nicht aus Klassen, die sich zueinander antagonistisch verhielten. Darin besteht gerade die Stabilität des Systems.“ (14/15)
“Das selbstausbeutende Subjekt führt ein Arbeitslager mit sich, in dem es gleichzeitig Opfer und Täter ist.” (84)

Digitalität

Der Neoliberalismus und die Ausbeutung des Selbst ist dabei für Han essentiell mit den neuen Technologien verbunden. So ist für ihn nicht mehr das Benthamsche Panoptikum –Symbol der Disziplinargesellschaft – die Verkörperung der aktuellen Machtmechanismen, sondern vielmehr beherrscht uns laut Han das „digitale Panoptikum“ (18), statt Isolationshaft gilt es ständig zu kommunizieren, unterworfen unter die „Diktatur der Transparenz“ (18) werden wir nicht mehr überwacht, sondern — hier ganz Deleuze folgend — „kontrolliert“. Das Individuum scheint dabei ganz „freiwillig“ das eigene Leben digital zu entblößen, seine eigenen Daten freiwillig herzugeben und so die Akquirierung von enormen Datenmengen möglich zu machen und auch zu tolerieren. Sei es die „Gamifizierung“ oder der ständige Drang zur Kontrolle und Überwachung der eigenen Körperfunktionen, der Ernährung oder des Fitnesszustandes alles wird überwacht — „Quantified Selbst“ — und geteilt, gepostet und geliked. Die Selbstoffenbarung nimmt für Han dabei „pornographische Züge“ (82) an, wohlwissend, dass „Big Data“ nichts vergisst, alles protokolliert und daraus Kapital akkumulieren möchte.
Der allgemein herrschende „Daten-Fetischismus“ (80) stellt für Han dabei selbst eine Ideologie dar, die Ideologie der absoluten Berechenbarkeit, die an die Vorhersage glaubt, wenn sich nur genug Daten zur Analyse beschaffen lassen. Dieser „Daten-Totalitarismus“ (80) durchzieht dabei sowohl Gesundheit, Arbeit und Freizeit, als auch und vor allem Konsum und Politik (Stichwort: Postdemokratie). Doch der „Dataismus“ (81) wie Han, der um kein billiges Wortspiel verlegen zu sein scheint, Big Data auch nennt, bleibt dabei „ereignisblind“. Denn wie Han völlig richtig argumentiert blendet die Berechnung des Wahrscheinlichen das Außergewöhnliche, das Unwahrscheinliche, das Andere notwendig aus.

Wenn alles sofort sichtbar werden muss, sind Abweichungen kaum möglich. Von der Transparenz geht ein Konformitätszwang aus, der das Andere, das Abweichende beseitigt. […] Errechnet werden statistische Durchschnittswerte. So hat Big Data keinen Zugang zum Einmaligen. Big Data ist ereignisblind. Nicht das statistisch Wahrscheinliche, sondern das Unwahrscheinliche, das Singuläre, das Ereignis wird die Geschichte, die menschliche Zukunft bestimmen. So ist Big Data auch zukunfstblind.“ (100f)

Anstatt solche, durchaus interessante, wenn auch nicht wirklich neue, Thesen ausführlich zu argumentieren, füllt Han die Seiten seines Büchleins lieber mit altbekannten konservativen kultur– und technikkritischen Tiraden. So verhindere das Internet samt seiner neuen Technologien Reflexion und überhaupt alle Denkprozesse und führe zu bloßem „Lärm“. Tiefgründige und informierte Kritik sei nicht mehr möglich stattdessen gibt es nur noch kurzfristige Abreaktionen in Form von Shitstorms, die darniederliegende Qualität von kritischen Analysen exemplifiziert Han ungewollt dabei am besten freilich mit seinem doch sehr oberflächlichen Buch. Besonders abstrus und kulturkonservativ wird es wenn Han kurz von seinem eigentlichen Thema abweicht und über das „moderne Theater“, das jegliche Qualität verloren hätte und sich nur noch in Effekten und Affekten ergießt (60), schimpft. Unbehagen vor dem modernen/nicht klassischen durchzieht dabei das ganze Buch weit über die Tiraden über das Theater hinweg und stellt gar ein Grundmuster in Han’s Denken dar.

Von der Biopolitik zur Psychopolitik

Wie der Titel bereits andeutet, ist eine der Hauptthesen von Han, dass wir uns im Zeitalter der Psychopolitik befinden. Die von Foucault analysierte Biopolitik ist für Han nämlich passé, war sie doch – zumindest in Han‘s sehr eingeschränkter Foucault-Lektüre – Teil der Disziplinargesellschaften. Nicht mehr die Disziplinierung des Körpers, sondern die Kontrolle unserer Gefühle, Emotionen und Psyche steht im Neoliberalismus im Vordergrund. Han wirft dabei nicht nur Foucault vor, diese Entwicklung nicht rechtzeitig erkannt zu haben (37), sondern gibt sich auch überzeugt davon, dass alle Weiterführungen des Foucault’schen Ansatz – von Lemke bis Agamben – problematisch seien, da sie doch am Begriff der Biopolitik festhalten. Alle Weiterführungen außer natürlich seine eigene, denn – so fantasiert Han – er weiß Foucault als anscheinend einziger richtig zu aktualisieren. Denn in einer digitalen Gesellschaft zählt vor allem das immaterielle, die Information, daher scheint nicht mehr der Körper sondern eben der Geist, die Psyche das Ziel moderner Machttechniken zu sein.

Die Biopolitik ist die Regierungstechnik der Disziplinargesellschaft. Sie ist aber ganz ungeeignet für das neoliberale Regime, das vor allem die Psyche ausbeutet. […] Zur Steigerung der Produktivität werden nicht mehr körperliche Widerstände überwunden, sondern psychische und mentale Prozesse optimiert.“ (35/39)

So führt Han ganz unverschämt einen Art Geist/Körper Dualismus wieder ein, den man nicht erst nach Foucault schon für Überwunden gehalten hatte. Freilich stört es Han hier auch nicht, dass er nur wenige Seiten nach den zitierten Bemerkungen von der Optimierung und ständigen Überwachung des eigenen Körpers und der eigenen Fitness spricht. Die banale Ersetzung der völlig eingeschränkt gelesenen Biopolitik durch den von Bernard Stiegler und anderen viel fundierter erarbeiteten Begriffes der Psychopolitik wird dem komplexen System der Ausbeutung des Menschen sowohl in seinen körperlich/physischen wie auch in seinen davon kaum zu trennenden mentalen/psychischen Aspekten keinesfalls gerecht. So krampfhaft Han Foucault ergänzen und weiterführen will, so offensichtlich bleibt er dabei jedoch hinter den einfachsten Analysen Foucaults zurück.

Lieber Idiot werden

Was gegen den Neoliberalismus und dessen „Psychopolitik“, den „Dataismus“ und die Kontrollgesellschaft tun, möge man sich bei der Lektüre des Buches fragen. Han hat darauf im letzten Kapitel eine sehr eigenwillige Antwort. Dem Idiotismus frönen, laut Han das einzig wirklich Oppositionelle was heutzutage noch getan werden kann. Schließlich sei der Idiot der einzige, der alles in Zweifel zieht, der sich der Kommunikation entzieht und nicht zwischen den vorgegebenen Wahlmöglichkeiten entscheiden möchte.

Angesichts des Kommunikations– und Konformitätszwanges stellt der Idiotismus eine Praxis der Freiheit dar. Der Idiot ist seinem Wesen nach der Unverbundene, der Nichtvernetzte, der Nichtinformierte. […] Der Idiotismus opponiert gegen die neoliberale Herrschaftsmacht, gegen deren Totalkommunikation und Totalüberwachung. Der Idiot ‚kommuniziert‘ nicht. Ja er kommuniziert mit dem Nicht-Kommunizierbaren.“ (109f)

Han kann oder will also keine Antwort geben, kann oder will sich nicht mit dem Widerstand gegen den Neoliberalismus beschäftigen, nicht mal mit dem schon existierenden. Lieber flüchtet er in die Idiotie und rät dies auch gleich allen anderen. Diese resignierende und zugleich völlig überhebliche Idee, der Idiotismus würde sich der kontrollierten Kommunikation entziehen beendet dieses zwischen Konservatismus und Untergangserzählung oszillierende Büchlein nochmal auf einer besonders abstrusen Endnote.
Unangenehm ist dabei vor allem, dass Han meint sich hierbei auf Deleuze, den er an den entscheidenden Stellen falsch oder lückenhaft zitiert, zu beziehen, doch dabei lässt Han, offensichtlich ganz bewusst, aus, dass Deleuze niemals zur allgemeinen Kapitulation oder Resignation aufgerufen hat. „Weder zur Furcht noch zur Hoffnung besteht Grund, sondern nur dazu, neue Waffen zu suchen“, schreibt Deleuze in seinem — von Han breit zitierten — Kontrollgesellschaftsaufsatz. Doch diese Mühe nach neuen Waffen zu suchen, nach den Möglichkeiten des Widerstands zu suchen möchte sich Han nicht machen. Viel zu angenehm hat er es sich mit den anderen „Starphilosophen“ in dem Apokalypse herbeibetenden, Technik wie Kultur verteufelnden und dabei noch vom Idioten träumenden Elfenbeinturm gemacht. Interessante und ernsthafte Beschäftigung mit den neoliberalen Machttechniken sowie Möglichkeiten des Widerstands sind wo anders zu suchen.

Fazit

Dieses Buch bietet nichts was man nicht schon woanders zumeist besser und reflektierter gehört oder gelesen hätte, manchmal zitiert Han dabei seine „Inspirationsquellen“ meistens jedoch nicht. Das bloße Zusammentragen dieser verschiedensten Begriffe rund um Neoliberalismus und neue Technologien wäre dabei noch nicht weiter schlimm, würde Han nicht in jeder Zeile des Buches bemüht versuchen seine eigene Originalität, sowie die seiner zusammengetragenen Thesen, zu betonen. Diese ganz neoliberalistisch anmutende bemühte Kreativität erfüllt sich wie dargestellt jedoch kaum und so muss Han notwendigerweise scheitern.
Das Buch genügt folglich nicht einmal als einführende Hinführung in den Problembereich.

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Ein Kommentar

  1. osrichard
    Am 17. Januar 2017 um 08:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke für diese wirklich sehr treffende Kritik an diesem Buch!

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