Vielleicht wird das Unmögliche daher notwendig gewesen sein.

Ein Gespräch mit dem Philosophen und Theologen Peter Zeillinger

Anlässlichzeillinger des nächsten Supertaalks – „Die Mauern nieder“ –, der sich der Vision/Utopie eines offenen, also auch außengrenzenlosen Europas hingibt, habe ich den Philosophen, Theologen und Derrida-Experten Peter Zeillinger über Jacques Derridas Überlegungen zu Europa interviewt. Herausgekommen ist ein mit Zitaten unterlegter, spannender Überblick über Derridas Europa-Bild, das politisch wie philosophisch interessant ist, auch wenn mensch selbst kein Derrida-Fan ist und mit Begriffen wie der „Identität Eropas“ so seine/ihre Probleme hat.

In Derridas bekannten Vortrag „Das andere Kap. Erinnerungen, Antworten und Verantwortungen“ hat sich der französische Philosoph mit der besonderen „Identität“ Europas beschäftigt. Ausgehend von seiner eigenen Biographie – er wurde in Algerien mit französischer Staatsbürgerschaft geboren – beschreibt Derrida Europa dabei als das andere Kap, also als ein offenes, mit sich selbst nie identisches, immer aufs andere Kap, aufs andere im Kap ausgerichtetes Europa.

Daran anschließend erscheint die Abschottung Europas zu einer Festung, wie sie heute innerhalb eines Teils von Europa (der EU), der sich selbst für das Ganze setzt (also sich als den Inbegriff von Europa stilisiert), praktiziert wird umso problematischer. Angesichts der momentanen politischen Lage nicht nur innerhalb der EU, mit einer konservativen und rechten Mehrheit mag ein offenes Europa, ein sich öffnendes Europa als unmöglich erscheinen. Doch wie Peter Zeillinger am Schluss des Interviews so wunderbar formuliert: Vielleicht wird das Unmögliche daher notwendig gewesen sein.1

Zitate zum nachlesen:

„Wie, wenn Europa nichts anderes wäre als die Eröffnung, Auftakt einer Geschichte, für die die Kursänderung, der Wechsel des Kaps, der Bezug zum anderen Kap oder zum anderen des Kaps sich als eine fortwährend bestehende Möglichkeit erweist?“ (17f)

„Es ist einer Kultur eigen, dass sie nicht mit sich selber identisch ist.“ (12)

„Es gibt keine Kultur und keine kulturelle Identität ohne diese Differenz mit sich selbst.“ (13)

„[…] eines Europas, das gerade darin besteht, dass es sich nicht in seiner eigenen Identität verschließt und dass es sich beispielhaft auf jenes zubewegt, was nicht es selber ist, auf das andere Kap, oder das Kap des anderen, ja auf das andere des Kaps“ (25)

„Das Heute, die Gegenwart dieses Europa ist die eines Europa ohne festgesetzte, vorgegebene Grenzen, ja ohne festgelegten Namen“ (26)

„eher ist diese Idee der Demokratie etwas, was noch gedacht werden muss und was noch im Kommen bleibt [a vénir], womit wiederum nicht behauptet werden soll, dass sie morgen uns mit Sicherheit erreichen wird, so, als ginge es bloß um eine in der Zukunft gegenwärtige Demokratie.“ (57)

Literatur:

Derrida, Jacques (1992): Das andere Kap. Die vertagte Demokratie. Frankfurt/M: Suhrkamp.

  1. Ich mißtraue der Utopie, obwohl sie uns motiviert, den Alibis und all den angeblich realistischen und pragmatischen Abdankungen zu widerstehen. In gewissen Kontexten läßt sich die Utopie – oder zumindest das Wort – allzuleicht mit dem Traum in Verbindung bringen, mit Demobilisierung, mit einem Unmöglichen, das eher zum Aufgeben drängt als zum Handeln. Das Un-Mögliche (l’im-possible), von dem ich häufig rede, ist nicht das Utopische. Im Gegenteil. Das UnMögliche gibt dem Wunsch, der Handlung und der Entscheidung die Bewegung. Das Un-Mögliche ist die Figur des Wirklichen selbst. Es hat deren Härte, Nähe und Dringlichkeit. Das Un-Mögliche, wie ich es in zahlreichen neueren Texten interpretiere, das ist die Dringlichkeit des Augenblicks, hier und jetzt, in den einzigartigen Situationen. Dieses Un-Mögliche ist nichts Negatives, es ist eine Bejahung. Diese Bejahung erlaubt uns, auf kritische Weise den Pseudohandlungen, den Pseudoentscheidungen und den Pseudoverantwortlichkeiten Widerstand zu leisten. Wenn man sich mit dem Möglichen begnügen würde, würde man Regeln anwenden oder Programme ausführen, würde man vorhersehbare Kausalitäten vorgeben, würde sich „pragmatisch“ an das anpassen, was scheinbar bereits im Gang wäre, und man würde infolgedessen in der Politik wie anderswo weder etwas tun noch etwas entscheiden.“ Derrida in einem Interview mit der Zeit []
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