Badiou – Ereignis, das Reale und die Konsequenzen

Vor kurzem wurden Video-ausschnitte von einer Keynote von Alain Badiou auf der Nexus Conference 2012 „How to Change the World“ auf Youtube veröffentlicht, und, meiner Meinung nach, zahlt es sich aus zumindest den ersten Teil dieser Rede näher zu betrachten. Hat man sich an das Französisch-Englisch erst mal gewöhnt, kann man nämlich in guten fünf Minuten eine Kurzeinführung in einige wichtige Begriffe von Badious Denken bekommen.


Badious Zugang zu der Frage nach der Weltveränderung, „How to Change the World“ – anders formuliert der Frage „Wie kommt das Neue in die Welt“ – ein altes und trotzdem höchstaktuelles philosophisches wie auch politisches Problem – beschränkt sich in diesem kurzen Vortrag auf die Verbindung von drei Begriffen, die da wären: Ereignis (Event), das Reale (real) und die Konsequenzen (consequences). In Badious Philosophie, und dazu wird es bald einen eigenen Blogeintrag geben, gibt es zwar noch eine ganze Menge mehr zentrale Begriffe, wie die Wahrheit, Treue, Riot, Kommunismus, absolute Gleichheit, Kapitalparlamentarismus, usw., aber für einen ersten Überblick sind diese drei durchaus genügend.
Beginnen wir, bevor die drei Begriffe ins Spiel kommen, mit dem Begriff der Welt (world), den Verhältnissen, der Verfassung oder auf Englisch passender formuliert dem „state of situation“, also dem Staat. Hierunter versteht Badiou immer eine je spezifische Ordnung. Diese Ordnung zählt jeden und jede auf eine bestimmte Weise, teilt die Menschen ein und auf, der Staat als repressiver Apparat überwacht diese Zählung und sorgt für die Stabilität der Ordnung, oft genug auch mit gewalttätigen Mitteln. Die je bestimmte Zählung ist dabei natürlich nicht gerecht, folgt also nicht dem Diktum der Gleichheit aller Menschen sondern ordnet und zählt nach ökonomischen und sonstigen Interessen. Dabei werden manche Menschen in diesem je spezifischen Staat nicht mitgezählt, ausgelassen oder ungleich gezählt, man denke hier z.B. an die AsylwerberInnen, die zwar hier leben jedoch keinesfalls gleiche Rechte haben wie andere.1 Die Ausgeschlossenen, die, die in der Zählung nicht vorkommen können durchaus mit Rancières Begriff der „Anteillosen“ parallelisiert werden. Die Welt ist also eine bestimmte Ordnung, die eine bestimmte Sicht auf die Verhältnisse im Staat vermittelt. Zu diesen Verhältnissen zählt auch die konstruierte Teilung der Gesellschaft, z.B. in ArbeiterInnen und in Studierende und Intellektuelle (WissensarbeiterInnen), eine Teilung die der Staat versucht so natürlich und tief wie möglich zu repräsentieren. Die Welt ist dabie immer nur eine konkrete aus einer unendlichen Vielzahl an Welten, also anderen Ordnungen.

Das Ereignis, unumstritten der wichtigste Begriff in Badious Denken überhaupt, bezeichnet den Bruch der Ordnung, das Hereinbrechen des Neuen. Die Zählung wird stets durch Wiederholung und Repression bestätigt und gefestigt. Tritt nun ein Ereignis ein, so zeigt sich die Konstruiertheit der Verfassung der Dinge, der Prozess der Zählung wird offensichtlich. Ein Ereignis, wie eine Revolution z.B., macht die Ordnung offensichtlich, bricht die Ordnung und zeigt die Willkür der vorherrschenden Ein- und Aufteilung auf. Das Ereignis ist eine „local rupture“, es ist etwas dass nicht innerhalb der Verfassung und nicht mit den Gesetzen des jeweiligen Staates erklärbar zu sein scheint. Etwas das über die Ordnung hinausgeht. Das Ereignis verweist aber nicht nur auf die Beschränktheit der vorherrschenden Ordnung sondern verweist über die Ordnung hinaus auf eine Wahrheit, sie verweist auf einen Teil des Realen der Welt, z.B. der absoluten und unbedingten Gleichheit aller Menschen. Dieses Reale ist verschleiert in der Ordnung, das Aufbrechen des Realen im Ereignis ist daher auch das Hereinbrechen des absolut Neuen (für die Ordnung), das Hereinbrechen auch einer Unmöglichkeit (aus der Sicht der Ordnung). Denn es erscheint z.B. innerhalb der Vorherrschenden Ordnung unmöglich allen Menschen die hier leben auch die Staatsbürgerschaft zu verleihen, es erschien in der Ordnung des französischen Absolutismus natürlich als vollkommen unmöglich den Adel abzuschaffen und den Dritten Stand gleichberechtigt zu zählen, usw.
So eröffnet sich im Ereignis und den neuen Politiken die diesem Ereignis folgen die Möglichkeiten über die herrschenden Einschränkungen, die herrschenden Aufteilungen (ArbeiterInnen – Studierende) hinauszugehen, diese Aufteilung zu verwerfen und eine gemeinsame Politik, einen gemeinsamen Kampf zu führen. Das Ereignis des Mai 68 eröffnete daher folglich die Chance den Kampf der ArbeiterInnen und der Studierenden gemeinsam zu führen. Das Ereignis der ARebellion zeigte dass auch ChristInnen und IslamistInnen gemeinsam gegen die Diktatur kämpfen können.
Die Konsequenzen dieser Ereignisse und der neuen Politiken sind nun also neue Einheiten, neue Allianzen und vor allem die Einsicht, dass die vorherrschende Ordnung nicht unumstößlich ist. Das Ereignis (als Bresche in der Ordnung) ist immer gegen den Staat gerichtet, weil es immer die jeweilige Zählung, die jeweilige Ein- und Aufteilung in Frage stellt. Militanter Aktivismus, eine „kommunistische Politik“ agiert in Badious Denken daher immer aus einer Treue zu der Wahrheit die sich in einem bestimmten Ereignis gezeigt hat, und versucht die Zählung, den Staat im Namen dieser Wahrheit anzugreifen.
Eine zentrale Frage für Badiou, die er in diesem kurzen Vortragsteil nicht dirket anspricht, ist die Frage der Organisation. Wie in Treue zu dem Ereignis die neue Politik organisieren ohne den Gefahren von Totalitarismus, Machtübernahme und leninistische Partei zu erliegen? Diese Organisation ist das Subjekt des Ereignisses, ein Subjekt dass es stets zu konstruieren gilt. Ereignis ohne Organisation danach wäre also ein Ereignis ohne Konsequenzen und daher nicht von dieser zentralen Wichtigkeit. Daher schreibt Badiou auch in Abwandlung eines Spruches von Lacan: „Organization is the same process as the event.“ (Badiou 2012, 66)

Um die Welt also zu verändern müssen wir – so Badiou im zweiten Teil des Vortrags – ein subjektiver Teil der Konsequenzen des Prozesses des Ereignisses werden, wir müssen also teilhaben am Ereignis. In diesem zweiten Teil des Vortrags macht Badiou den Begriff des Glücks (happiness) stark. Happiness ist dabei jedoch nicht das Ziel der politischen Veränderung, sondern fundamentaler Teil des Prozesses der politischen Veränderung, ja vielleicht sogar die Voraussetzung. Ähnliches sagte Badiou einst über die absolute Gleichheit. Gleichheit kann nicht das Ziel eines politischen Kampfes sein, sondern ist dessen Voraussetzung, da wir die Gleichheit aller ja annehmen müssen um überhaupt gegen die Ungleichheit zu kämpfen, wir haben die Gleichheit aller also schon akzeptiert, das Ziel des Kampfes muss die Anerkennung eben dieser Gleichheit sein. Die Happiness von der Badiou spricht liegt also im Prozess, im Wandel, liegt darin die Untätigkeit, die politische Lethargie zu überwinden und aktiv zu werden, zu kämpfen, sich zu organisieren und Ereignisse zu erschaffen.
Dass dies alles und besonders der zweite Teil des Vortrags mehr wie eine esoterische Predigt, mehr wie ein Selbsthilfebuch für die kleinen Revoluzzer und die Revolution zur eigenen Glücklichkeit klingt, liegt nicht nur in Badious Rethorik sondern auch in seiner noch immer vom Maoismus geprägten Einstellung zu Politik. Badious Schriften über die Liebe als persönliches Ereignis passen hier nur zu gut ins Bild. Trotzdem nehmen Badious Gedanken nicht nur einen zentralen Stellenwert in der zeitgenössischen Diskussion politischer Theorien ein, sondern sind samt ihren Problematiken lesens- und hörenswert. Eine intensive Auseinandersetzung mit seinen Schriften mag also vielleicht kein revolutionäres Ereignis sein, aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ein sehr lohnendes.

Literatur:
Badiou, Alain (2012): The Rebirth of History. Verso.

  1. Badiou hat sich mit seiner Organisation Politique des Öfteren für die Rechte der Sans Papier eingesetzt, und fordert eine absolute Anerkennung. Mit dem von ihm geprägten Slogan „Jeder der hier ist, ist von hier“ (On est ici, on est d’ici) fordert Badiou eine unbedingte und absolute Anerkennung aller AsylwerberInnen und sogenannten Illegalen als französische StaatsbürgerInnen. []
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