Occupy Bookstore

Vor einigen Tagen war der 2te Jahrestag von Occupy Wall Street, zu dem ich auch schon einen längeren Blogpost veröffentlicht habe. Doch es erscheint mir auch die passende Gelegenheit zu sein, einen kurzen Überblick über einige der zahllosen, veröffentlichten Bücher über Occupy zu erstellen. Annähernd täglich wächst die Literatur zu den aktuellen Sozialen Bewegungen, da erscheint es durchaus notwendig, einige dieser Bücher näher anzuschauen. Da mir die Zeit fehlt zu jedem dieser Bücher eigene längere Rezensionen zu verfassen, habe ich hier eine laufend erweiterte Liste von Occupy-Büchern samt kurzer Beschreibung und Bewertung erstellt.

Wenn euch das eine oder andere Buch in dieser Liste fehlt, kommentiert oder schreibt mich an, ich bin für alle Hinweise dankbar:

Sammelbände

englische Sammelbände

We are Many. Reflections on Movements Strategy: From Occupation to Liberation (2012) – herausgegeben von Khatib, Killjoy, McGuire; AK Press; (440 Seiten)
Ein vielfältiger Sammelband mit zahlreichen Texten die sich mit Praktiken und Strategien, wie auch mit Erfahrungen und Lehren aus der Occupy-Bewegung beschäftigen. Bekannte TheoretikerInnen wie Graeber oder Wallerstein sind hier genauso am Wort wie auch AktivistInnen. Illustrationen, Fotos und Cartoons lockern die Texte auf und bieten zusätzliche, durchaus witzige Sichtweisen auf die Bewegung. Die Texte reichen von Chronologien, über theoretische Einschätzungen bis hin zu kritischen Reflexionen (z.B. Rassismus und Occupy). Ein Buch das mit viel Mühe, Kreativität und Liebe zum Detail gestaltet wurde und definitiv einen oder mehrere Blicke wert ist.

The Occupy Handbook (2012) – herausgegeben von Janet Byrne; Black Bay Books; (535 Seiten)
Ein umfassender Sammelband mit Beiträgen von TheoretikerInnen, PolitikerInnen, AktivistInnen und auch Ökonomen (Krugman). Neben vielen Artikeln die sich mit dem Was nun? Und den Folgen von OWS beschäftigen sind vor allem die Artikel, die die Verbindungen und Unterschiede zu anderen Sozialen Bewegungen wie #15M und ARebellion behandeln von zentralem Wert. Ein reichhaltiges Standardwerk mit einer globalen Perspektive auf Occupy (samt Texten über die Verbindungen zu den Israelischen Protesten, den Chilenischen Studierendenprotesten, usw.) und einer Vielzahl an kurzen lesenswerten Beiträgen.

THIS Changes Everything. Occupy Wall Street and the 99% Movement (2011) – herausgegeben von Sarah van Gelder und dem YES! Magazin; Berett Koehler Publishers; (85 Seiten)
Ein dünnes Bändchen, dass noch während Occupy lief, erstellt wurde, daher mehr auf einzelne Aspekte der Bewegung und vor allem der politischen Situation, die zu dieser Bewegung führte, fokussiert. Dabei sind Beiträge von PolitikerInnen, TheoretikerInnen aber z.B. auch die erste Deklaration der General Assembly von OWS enthalten. Auch wenn das Buch keinen Überblick über den Verlauf der Bewegung geben kann/will, ist es als Momentaufnahme durchaus interessant, welche Aspekte während dem Laufen der Bewegung in diesem Buch Beachtung fanden und welche nicht.

Occupy! Scenes from Occupied America (2011) – herausgegeben von Astra Taylor, Keith Cessen und den Herausgebern des n+1; Verso; (216 Seiten)
Dieser sehr anregend gestaltete Sammelband, der ebenfalls unmittelbar während OWS erstellt wurde, sammelt eine Vielzahl an unterschiedlichen, kurzen Beiträgen. Neben Fotos, Cartoons und Statistiken finden sich tagebuchähnliche, subjektive Chronologien, Blogposts und gesammelte Tweets genauso in diesem Buch wieder, wie die Reden von bekannten TheoretikerInnen wie Slavoj Zizek und Judith Butler(allerdings nur eine halbe Seite lang), gemischt mit Texten über die Situation in den USA vor und rund um OWS, Berichte von anderen Occupy-Bewegungen in den USA (außerhalb New Yorks) und auch die Probleme solcher Bewegungen werden in Artikeln reflektiert. Das Buch bietet einen vielfältigen, humorvollen und doch auch tiefgreifenden Blick auf die Occupy-Bewegung und spiegelt dabei ihre Heterogenität wieder.

deutsche Sammelbände

Occupy! Die ersten Wochen in New York. Eine Dokumentation (2011) – herausgegeben von Blumenkranz, Gessen, et al.; Suhrkamp; (94 Seiten)
Der erste Teil des dünnen Buches ist eine von den HerausgeberInnen in Tagebuchform gestaltete Nacherzählung der OWS Ereignisse, gemischt mit Tweets und hauptsächlich mit verschiedensten Erfahrungen aus der Teilnahme an der Bewegung. Im zweiten Teil wurden Artikel und Reden ausgewählt, die sich (da es sich um die deutsche Ausgabe handelt) nicht nur mit der spezifischen amerikanischen Situation beschäftigen sondern einen breiteren Kontext und eine breitere Einordnung der Bewegung versuchen, mit dabei sind hier Ökonomen (Stiglitz), TheoretikerInnen (abermals Zizek) und einige andere Stimmen. Ein kurzer erster Überblick über die Bewegung, der jedoch maximal als Einstieg in die Materie fungieren kann.

Occupy Anarchy! Libertäre Interventionen in eine neue Bewegung (2012) – herausgegeben von der Infogruppe Bankrott; edition assemblage; (155 Seiten)
Ein gelungenes Büchlein, dass sich vor allem aus einer aktivistischen Perspektive mit der Occupy Bewegung auseinandersetzt. Dabei werden Bezüge zu anarchistischen Strömungen, die Praktiken wie auch die herrschenden Produktionsverhältnisse und die Kapitalismuskritik in den Mittelpunkt gestellt. Unter den AutorInnen finden sich bekannte Namen wie Butler, Spivak und Graeber. Die drei Hauptteile des Buches sind „Occupy Anarchy, Occupy Your Bodies, Occupy Production“. Damit bietet das Buch eine der wenigen wirklich links-kritischen Analysen der Bewegung. Besonders interessant sind dabei die feministischen Perspektiven auf die Bewegung, die sich in dieser Dichte in kaum einem anderen Sammelband finden. Wer an anarchistischen, marxistischen und feministischen Perspektiven auf OWS interessiert ist, wird an diesem Band nicht vorbeikommen.

Occupy! Die aktuellen Kämpfe um die Besetzung des Politischen (2012) – geschrieben von Kastner, Lorey, Raunig, Waibel; turia+kant; (134 Seiten)
Dieser Sammelband besteht aus 4 längeren und für sich stets hochinteressanten philosophisch, politiktheoretischen Essays zu den aktuellen Sozialen Bewegungen. Den vier AutorInnen entsprechend nehmen alle Texte eine eher positive, poststrukturalistisch/deleuzianisch inspirierte Haltung gegenüber den Bewegungen ein, dabei wird aber durchaus auch Kritik geübt. Lorey gibt einen Überblick über die politische Theorie zum Demokratiebegriff und fokussiert besonders auf die Verweigerung der Repräsentation in OWS. Kastner konzentriert sich auf die Sprüche und Slogans der Bewegungen und übt vor allem viel und gerechtfertigte Kritik an dem 99% Sager. Waibl untersucht die Bewegungen vor allem mit dem Begriff des Ereignisses und verweist daher vielfach auf eine Badiouianische Perspektive auf die Proteste. Raunig beschäftigt sich vor allem mit dem Begriff der Vielheiten, Mannigfaltigkeiten, Unzählbarkeit und beschreibt die Proteste ganz deleuzianisch als molekulare Revolutionen. Ein sehr philosophischer und sehr dichter Sammelband, dessen Lektüre sich unbedingt lohnt. (viel Deleuze ist natürlich besonders lobenswert)

Philosophische Betrachtungen

Badiou, Alain (2012): The Rebirth of History. Times of Riots and Uprisings. Verso; (120 Seiten)
In diesem äußerst lesenswerten Buch versucht Badiou mal passender mal konstruierter seine strikte politische Theorie und seine philosophischen Begriffe auf die Ereignisse der ARebellion und der Riots in den Vorstädten von Paris und London anzuwenden. Dabei gelingt es ihm viele seiner abstrakten Begriffe ganz konkret an politischen Kämpfen zu erklären, das Buch bietet folglich vielmehr einen interessanten Einblick in seine Philosophie als es über die tatsächlichen Bewegungen aussagt. OWS und 15M finden sich hierbei nur in abwertende Randbemerkungen wieder, da ihm diese Proteste zu wenig radikal und zu wenig organisiert sind. So interessant dieses Buch und Badious Thesen auch sind, wird gerade in seiner Beschäftigung mit realen Bewegungen deutlich, dass seine sehr eng formulierte Theorie keine adäquaten Erklärungen für aktuelle Bewegungen und ihr rhizomatisches Auftreten bereit hält. Doch Badious Kritik bringt durchaus wichtige Punkte (Frage der Nachhaltigkeit von Protesten, Organisierung, usw.) in den Diskurs ein. Das Buch ist vor allem empfehlenswert wenn man sich mit der einflussreichen Philosophie von Badiou näher beschäftigen möchte.

Graeber, David (2012): Inside Occupy. Campus; (200 Seiten)
Graeber, der selbst Aktivist bei OWS der ersten Stunde war, gibt hier mehr als eine Nachbetrachtung der Ereignisse ab. Als Philosoph gelingt es ihm politische Strömungen (Occupy und Anarchismus), aktuelle politische Situationen sowie Reflexionen über die Bewegung in einfacher verständlicher und leicht zu lesender Sprache zu verbinden, und liefert damit einen durchaus interessanten Einstieg in die Reflexion über diese Bewegung.

Harvey, David (2012): Rebel Cities. From the Right to the City to the Urban Revolution; Verso; (187 Seiten)
lesenswerte Betrachtung der vielfältigen Bewegungen in ihrer Situiertheit in globalen Städten, eine genauere Rezension zu diesem Buch gibts in meinem Blogpost hier

Chomsky, Noam (2012): Occupy. Penguin; (122 Seiten)
Diese Sammlung von Vorträgen und Interviews mit Chomsky über die Relevanz der OWS Bewegung gehen wenig ins Detail, bleiben auf der Oberfläche und bringen daher wenig Erkenntniswert mit sich. Es gibt lesenswertere Reflexionen zu OWS.

Zizek, Slavoj (2012): The Year of Dreaming Dangerously. Verso; (135 Seiten)
In seinem typischen Stil legt Zizek hiermit seine Betrachtungen der zahlreichen Bewegungen der letzten Jahre dar. Wie zu erwarten pendelt das Buch zwischen harscher Kritik an den Bewegungen und euphorischer Anerkennung des Potentials dieser Proteste. Ähnlich wie Badiou tut sich auch Zizek schwer die Proteste mit seinem theoretischen Framework adäquat zu analysieren, ist dabei aber wenig überraschend wesentlich flexibler als Badiou. Neben allgemeinen Betrachtungen über Ökonomie, Popkultur und Politik widmet er den jeweiligen Bewegungen stets ein Kapitel, die sich jedoch nur wenig von seinen Vorträgen und Buchbeiträgen zu diesen Protesten unterscheiden. Wie immer ein unterhaltsames Buch, das lesenswert ist, auch wenn es nur bedingt neue Erkenntnisse über die Sozialen Bewegungen produziert.

Sonstige Bücher

Castells, Manuel (2012): Networks of Outrage and Hope. Social Movements in the Internet Age. polity; (310 Seiten)
Castells, der besonders für seine umfangreichen mediensoziologischen Arbeiten über das Informationszeitalter bekannt ist, hat in diesem sehr empirisch gehaltenen Buch vor allem die Relevanz der Kommunikations- und Informationstechnologien hervorgehoben und unterstreicht dies mit zahllosen Statistiken und Daten. Castells untersucht dabei sowohl die 15M, ARebellion als auch die Occupy-Bewegung und schreibt auch zur Isländischen Verfassungsänderung u.a. Dabei tappt Castells jedoch in eine bekannte Falle, in die auch die Massenmedien gerne tappen, nämlich die neuen Technologien in ihrer Rolle in den Bewegungen überzubetonen. Keiner leugnet den enormen Einfluss dieser Technologien und eine umfassende und genaue Untersuchung – wie in diesem Buch – sind fundamental wichtig für jegliche Reflexionen über die Sozialen Bewegungen, doch darf dabei nicht der Fehler begangen werden die Sozialen Bewegungen auf diese Technologien zu reduzieren. Castells konzentriert sich zu sehr auf mediensoziologische Untersuchungen und verliert damit die anderen wichtigen Aspekte teilweise völlig aus dem Blick. Besonders fatal ist darüber hinaus eine seiner Kapitelüberschriften, nämlich „A Rhizomatic Revolution“ nicht auf Deleuze und Guattari rückzubeziehen, sondern so zu tun als wäre es ganz was neues diese Proteste als rhizomatisch zu bezeichnen. Diese fehlende theoretische Einbettung kann ich als glühender Deleuzianer Castells schlicht und einfach nicht verzeihen.

Jäger, Michael / Seibert, Thomas (2012): alle zusammen. Jede für sich. Die demokratie der plätze. VSA; (70 Seiten)
In dieser knappen „Flugschrift“ versuchen die beiden Autoren einen kurzen Durchgang durch aktuelle politische Theorien, politische Situationseinschätzung und dazu noch ein wenig Manifest-Stimmung miteinander zu verbinden. Herausgekommen ist ein Text der sich zwischen programmatischen Manifest und philosophischer Reflexion nicht Entscheiden kann/will jedoch in beiden Richtungen oberflächlich und uninteressant bleibt. Kaum eine Bemerkung oder Analyse, die man so nicht schon woanders, besser und interessanter lesen hätte können. Es bleibt ein netter, schnell lesbarer und ebenso schnell vergessbarer Versuch.

Mörtenböck, Peter / Mooshammer, Helge (2012): Occupy. Räume des Protests. Transcript; (195 Seiten)
Die Autoren liefern in diesem äußerst interessanten Buch eine umfassende Analyse des räumlichen Aspekts dieser Proteste. Was haben besetze Plätze zu bedeuten, was wird besetzt, wie wird Raum in den Bewegungen strukturiert und organisiert, welche Rolle spielt Kunst in diesem Raum und wie korreliert der physisch besetze Raum mit dem virtuellen Raum. All diesen Fragen nähern sich die Autoren mit umfassender Literatur in einfacher schnell zu lesender Sprache und liefern damit ein rundum gelungenes Buch ab, dass diesem so wichtigen Aspekt, nämlich der Frage des Raums gerecht wird, wenn auch philosophische Überlegungen zum Raum fast völlig ausgeblendet werden.

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