Was bedeutet “Links sein” eigentlich? — Eine deleuzianische Antwort

Im Vorfeld zum kommenden Supertaalk, der sich mit der „Linken“ in ÖsterreichDeleuze-turtle auseinandersetzen wird, haben wir vom Redaktionsteam auf der MayDay-Parade in Wien einige Leute danach gefragt, was für sie „links sein“ bedeutet. Die vielfältigen und interessanten Antworten (u.a. von Oliver Marchart, Kurto Wendt etc.) können hier angeschaut werden.

Keine Definition als Definition?

Besonders überraschend war dabei, wie schwer es eigentlich ist, ad hoc eine Definition von „Links sein“ darzulegen und das nicht nur weil nahezu jede Partei und jede Zeitung usw. die Links-Rechts Unterscheidung als überkommen abstempelt und sich der größten aller Ideologien hingibt, nämlich der, selbst post/a/un-politisch zu sein. Soziale Gerechtigkeit, Egalität, Freiheit,

der Kampf gegen Unterdrückung, Emanzipation und Progressivität … es gibt eine Vielzahl an Schlagworten die man assoziativ mit „links“ verbindet, aber wie soll man „links“ definieren? Eine Definition erscheint vielleicht vor allem deswegen so schwer zu sein, weil ähnlich wie bei anderen Begriffen auch (man denke hier z.B. an den Begriff der Demokratie) es nicht nur eine Vielzahl an unterschiedlichen Möglichkeiten gibt diese Frage zu beantworten, sondern vielleicht auch weil sich „links sein“ gerade dadurch definiert dass es keine konkrete Definition geben kann, weil es vielmehr einen Prozess beschreibt.

Oliver Marchart hat in seiner Beantwortung der Frage nach der „Linken“ daher folgerichtig auf die sich ständig verändernden sozialen Kämpfe und die Sozialen Bewegungen verwiesen. „Ich glaube dass in den Sozialen Bewegungen selbst immer neu ausgemacht wird was Links ist.“
Hier gibt’s das Interview mit Marchart in voller Länge zu sehen, ein Interview mit dem heimlichen Untertitel:
”… langfristig kann es sein, dass man mit einer rein kulturellen Revolte — wie ’68 — große Effekte erzielen kann. Nur: wer will schon vierzig Jahre warten?”:

Doch eine (deleuzianische) Definition

Eine der interessantesten Antworten auf die Frage nach dem was „Links“ bedeutet hat Gilles Deleuze in den berühmten vielstündigen Abécédaire Interviews beim Buchstaben G wie „Gauche“ gegeben. Deleuze verweist dabei in seiner Antwort auf zwei Aspekte, die „links sein“ ausmachen.

Erstens ist „links“ eine Frage der Perspektive. Der Konservative (und Rechte) Standpunkt ist dabei einer der immer zunächst auf seine direkte Umgebung schaut, zunächst ist das eigene Wohlbefinden zentral, dann kümmert einen die Straße, das Grätzl, die eigene Stadt und dann das „eigene“ Land und erst dann interessiert die globale Ebene. Ist man dabei selbst privilegiert, so ist das Ziel der eigenen Politik folglich: wie kann ich diesen Status verteidigen. Diese „Festung“ zur vermeintlichen Wohlstandsverteilung sowie die „Nationalstaat zuerst“ Mentalität ist uns in Österreich und vor allem in Zeiten des EU-Wahlkampfes leider nur allzu bekannt.
Die „linke Perspektive“ so Deleuze weiter geht den umgekehrten Weg. Die ganze Welt im Blick konkretisiert sich die Perspektive immer mehr ins Lokale. Daraus folgt vor allem die für die Linke zentrale Sichtweise: „To be Left means knowing that the problems of the Third World affect us more directly than others in our neighberhood.“ Damit ist nicht die Verneinung der Dringlichkeit des Lokalen gemeint, sondern vielmehr verweist Deleuze darauf, dass Probleme immer zusammenhängen und dass Unterdrückung und Herrschaft lokal wie global bekämpft werden muss. Die aktuellen Sozialen Bewegungen, die lokal Plätze besetzen und gegen lokale Missstände kämpfen, dabei jedoch gleichzeitig global vernetzt und in Kontakt und Solidarität mit anderen Bewegungen weltweit sind, scheinen genau diese Sichtweise, diese Perspektive zu haben.

Der zweite Aspekt für Deleuze ist das was er „Minoritär Werden“ nennt, grob gesagt also die Solidarisierung mit unterdrückten Gruppen und die bedingungslose Unterstützung dieser Minoritäten im Kampf gegen die Herrschaft, ohne jedoch dabei – und das ist für Deleuze zentral – für diese Gruppen zu sprechen oder anstatt ihrer zu handeln.

Secondly BEING left naturally means BECOMING left … since it is a constantly evolutionary process … never to cease being the minority. The Left is never the majority, for the simple reason that the majority defines the rules. […] The majority defines its own ideal scale of measure.”

Die Majorität setzt sich selbst als Ideal, im so genannten Westen wäre das: Mensch, männlich, weiß, heterosexuell, Erwachsener, Stadtbewohner, etc. Das Minoritär-Werden ist daher ein In-Frage-stellen, ein Angriff auf das majoritäre System, auf die Ordnung, ohne eine neue Ordnung einführen zu wollen, ohne selbst danach zu streben, die neue Majorität zu werden. So verbindet Deleuze Links sein also direkt mit den Kämpfen und den Mikro– wie den Makro-Revolutionen.

Mit Deleuze soll hier also auf die Frage nach dem Verständnis von „Links“ auf die Aktualität dieses Begriffes verwiesen werden, eines Begriffes, der auf die ständige und andauernde Notwendigkeit von Analyse und Bekämpfung globaler wie lokaler Herrschaftsverhältnisse verweist, eines Begriffes also, der trotz seiner Opposition zu Ausbeutungs– und Unterdrückungsverhältnissen kein rein negativ definierter Begriff ist, sondern die produktive und emanzipative Kraft des „Minoritär-Werdens“ beschreibt:

Die Macht von Minderheiten bemisst sich nicht nach ihrer Fähigkeit, in ein majoritäres System einzudringen und sich ihm aufzuzwingen, und auch nicht daran, ob sie das zwangsläufig tautologische Kriterium der Mehrheit umkehrt, sondern ob sie eine Kraft von nicht-zählbaren Mengen, so klein sie auch sein mögen, gegen die Kraft von zählbaren, aber unendlichen Mengen zum Einsatz bringen kann […]
Das Unentscheidbare ist der Keim und die Stätte von revolutionären Entscheidungen par excellence.“
(Tausend Plateaus, 652 — 55)

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