Demokratie als Simulacrum – der Wahnsinn des Wahl-Spektakels

Dieser Post ist Teil der Serie Vom Sinn und Unsinn des Wahlspektakels im Zeitalter der Postdemokratie

Wenn ich im vorigen Blogpost versucht habe mit Claude Lefort einige wenige Argumente und geschichtliche Gründe zu nennen, warum Demokratie auch immer Inszenierung und Spektakel braucht, was also einzelne positive Seiten dieses Spiels sein könnten, so ist doch klar, dass selbst die positiven Effekte der Simulation, der Politik als Bühne, die Lefort noch als Wiederhall der tatsächlichen „ursprünglichen Teilung“ der Klassengesellschaft theoretisiert hatte, heutzutage vollständig von dem reinen Schauspiel der Simulation, der Inszenierung und des Spektakels verdrängt worden sind. Sah Lefort also die Bühne noch als friedliches Mittel den Klassenkonflikt zumindest symbolisch und stellvertretend zu führen – eine Vorstellung die in ihren zahlreichen Schwächen durchaus kritisiert werden muss und auch von Lefort selbst immer wieder verändert und erweitert wurde – so müssen wir doch für heute konstatieren, dass diese Bühne den Inhalt vollständig verdrängt hat, die Überinszenierung heutiger demokratischer Wahlen, aber auch politischer Ereignisse anderer Art, hat – so scheint es – jeglichen Verweis auf einen hinter der Bühne liegenden Inhalt aufgegeben, eine Hyperinszenierung, die um mit den Worten von Jean Baudrillard zu sprechen die Realität verdrängt, ersetzt hat.

Diese Problematik ist seit vielen Jahren mit zunehmender Beunruhigung beobachtet worden und wurde unter den verschiedensten Namen und Theorien besprochen, die aber eben doch ähnliche Prozesse beschreiben. Dem bekanntesten Begriff, nämlich der Postdemokratie widme ich mich in den nächsten BLogposts sehr ausführlich. Andere Begriffe wie „Politainment“ (Dörner), Politik als Theater (Meyer) und natürlich die situationistischen Kritiken „Gesellschaft des Spektakels“ (Debord) und Politik als Simulation“ (Baudrillard) sollen nun behandelt werden. Ich werde für diesen Blogpost im Wesentlichen auf typische und pointierte Zitate zurückgreifen, die hier gesammelt werden sollen, um einzuführen und weitere Verwendung zu finden.

Politik als schlechtes Theater

Eine zentrale Analyse die viele dieser theoretischen Bestandsaufnahmen teilen, ist das Überhandnehmen der Inszenierung. Politik verkommt, so scheint es zu einer reinen Show, einem „Politainment“ und gleicht dabei immer mehr einem Theater. Denn während die Entscheidungen in dem undurchsichtigen vorparlamentarischen Raum und beeinflusst von Lobbyisten getroffen werden, wird die öffentliche und parlamentarische Diskussion nur noch abgespult, Diskussion wird also nur noch schlecht inszeniert vorgespielt. Politik ist vor allem deswegen schlechtes Theater, weil sie – wie Thomas Meyer in seinem Buch Politik als Theater aufzeigt – anders als Theater, nicht auf die eigene Künstlichkeit verweisen kann, sondern die Simulation verschleiern muss.

Das Theater als Theater zeigt nicht nur ostentativ vor, es demonstriert gleichzeitig stets, dass das Vorgezeigte nicht wirklich anwesend ist. In diesem Sinne lebt das Theater vom Bewusstsein der Simulation bei seinem Publikum und wird dadurch zum Kunstwerk. […] Das Theater der Politik muss systematisch von sich als Theater ablenken, um wirken zu können. (Meyer, 55/74).

Es entsteht eine medial inszenierte Schaupolitik, wobei das Publikum auf Anhieb nicht mehr erkennen kann, ob sie das politisch Hergestellte werbekundig darstellt oder nur noch die Darstellung als Herstellung ausgibt. Politik wird in einem schillernden Sinne anschaulich. (Meyer, 47).

Andreas Dörner bezeichnete diese Entwicklungen, in denen demokratische Parteipolitik immer mehr zu einer Soap Opera für die Massenmedien verkommt, in der lediglich noch die Inszenierung zählt, in seinem gleichnamigen 2001 erschienen Buch als Politainment. Auch er kritisiert darin dass die eigentlichen Entscheidungen nur noch hinter der Bühne, einem demokratisch selten legitimierten Raum verhandelt werden.

Politainment bezeichnet eine bestimmte Form der öffentlichen, massenmedial vermittelten Kommunikation, in der politische Themen, Akteure, Prozesse, Deutungsmuster, Identitäten und Sinnentwürfe im Modus der Unterhaltung zu einer neuen Realität des Politischen montiert werden. (Dörner, 31).

Während demnach einem Massenpublikum auf der Vorderbühne durch Kommunikationsprofis eine Show der guten Politik geboten wird, machen die Eliten hinter den Kulissen, also im Reich der Realpolitik, in Ruhe ihre interessensgeleiteten Tauschgeschäfte und Kuhhändel aus. (Dörner, 69).

Politik verliert dadurch zusehends das, was sie zur Politik überhaupt erst macht. Der Streithandel der politischen Meinungen und Botschaften wird verdrängt von der Überinszenierung. Der inszenierte Streit jedoch verliert dabei jeglichen Inhalt, ja schlimmer setzt sich selbst als Inhalt. Auch wenn man mit Lefort und anderen überhaupt hinterfragen kann, ob es jemals möglich war im demokratisch repräsentativen Raum überhaupt den Streithandel zu führen, oder ob es nicht immer schon inszeniert werden musste, beschreiben die hier beschriebenen düsteren Analysen doch sehr beunruhigende Tendenzen, die Demokratie nur noch zu einer „Als-ob-Politik“ verkommen lassen, wie es Meyer nennt.

Jedoch können die ästhetischen Bedingungen für weitere Verbreitung und gespannte Aufmerksamkeit nicht selbst die Botschaft sein, es sei denn, man ersetzte Politik durch schlechtes Theater. Theater nämlich, das in selbstverliebten Fingerübungen mit virtuosen Inszenierungsmitteln spielt und dabei die Welt aus dem Auge verliert, die es spiegeln wollte; Theater, in denen viele aus Leibeskräften inszenieren, aber kein Stück erkennbar ist, das gegeben wird, Theater zudem, das sich als Wirklichkeit präsentiert, eben Theater in der Rolle von Politik, Als-ob-Politik. (Meyer, 10).

Gesellschaft des Spektakels

Diese Entwicklungen, das sollte klar sein, betreffen jedoch nicht nur die Politik. Vielmehr werden alle Gesellschaftsbereiche, ja die Gesellschaft selbst von diesen Mechanismen der Inszenierung und Simulation durchzogen. Besonders die Situationisten waren diesen Entwicklungen gegenüber besonders empfindlich und übten sehr früh wichtige und fundierte Kritik. Wie Guy Debord bereits 1967 postulierte, haben sich die westlichen demokratischen Systeme nämlich zu einer Gesellschaft des Spektakels entwickelt.

Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen. (Debord, 13).

Die falsche Auswahl im spektakulären Überfluss, die in der Aneinanderreihung von konkurrierenden und solidarischen Spektakeln sowie in der Auseinanderstellung von einanderauschließenden [sic] und ineinandergreifenden Rollen […] besteht, entwickelt sich zu einem Kampf zwischen gespenstischen Qualitäten, die die Zustimmung zur quantitativen Trivialität mit Leidenschaft beseelen sollen. […] So setzt sich die endlose Reihe der lächerlichen Zusammenstöße wieder zusammen, die von den sportlichen Wettkämpfen bis zu den Wahlen ein pseudospielerisches Interesse mobilisieren. (Debord, 50)

Ein weiterer sehr einflussreicher und – vor allem aber nicht nur – in der Populärkultur häufig zitierter Autor erkannte ebenfalls sehr früh diese hier beschriebenen Entwicklungen und ist wahrscheinlich derjenige Denker, der seine pointierte Kritik wie auch seine Analyse am radikalsten formulierte. Seiner Ansicht nach befinden wir uns – vereinfacht und verkürzt ausgedrückt – in der dritten Ordnung des Simulacrum also jener Zeit, in der es nur noch die Hyperrealität gibt, die Simulation alles vereinnahmt hat, der Code, die Digitalisierung der Zeichen wie der Welt soweit fortgeschritten ist, dass die Realität verschwunden ist. Neben seinen radikalen, umstrittenen, unterhaltsamen und höchst lesenswerten Thesen, hat er diese Entwicklungen eben auch in der Politik geortet. So ist in der demokratischen Simulation Meinungsvielfalt nur noch simuliert. Entscheidungen gibt es nicht mehr und die Wahl ist der Inbegriff dieser Simulation.

Die ‚fortgeschrittenen demokratischen’ Systeme stabilisieren sich durch das Konzept der alternierenden Herrschaft von zwei Parteien. Tatsächlich aber gehört das Machtmonopol einer politischen Klasse, die von der Linken bis zur Rechten homogen ist, sich aber nicht so aufführen darf: die Einparteienherrschaft, der Totalitarismus, ist eine instabile Regierungsform – sie trocknet die politische Szenerie aus, sie kann das feed-back der öffentlichen Meinung nicht sicherstellen […]: die Demokratie realisiert in der politischen Ordnung das Äquivalenzprinzip […]. Ein operationales Theater, auf dem nur noch schwache Schatten der politischen Vernunft agieren. (Baudrillard 1982, 107).

Baudrillard kritisiert dabei vor allem die Idee, die Meinungen der Bevölkerung ständig zu repräsentieren und darzustellen, ja überhaupt berechnen zu können. Die Praxis der Umfragen, die jegliche Opposition von politischen Meinungen, von politischen Entscheidungen auf einen Multiple-Choice Test reduziert, benennt Baudrillard als eines der Grundübel, und diese Kritik wird auch in unserer Beschäftigung mit dem Begriff der Postdemokratie wiederkehren. Der Konsens über die Darstellbarkeit der Meinung ist eine Illusion, Politik kann und darf nicht berechnet werden, sonst verliert Politik das was sie überhaupt erst ausmacht. Die Wahl ist nur noch eine unter vielen alltäglichen Umfragen, ein Stimmungsbild, das nichts über tatsächliche politische Verhältnisse aussagt. Baudrillard spricht daher von der „schweigenden Mehrheit“ jener Gruppe also die nicht wählen darf, nicht befragt wird, nicht teilnimmt, die und das ist auch in heutigen Diskussionen zu den Nicht-WählerInnen wichtig, nicht zwangsläufig unpolitisch ist, allerdings eben nicht repräsentiert wird.

Die gesamte Sphäre der Politik verliert ihre spezifische Eigenart, wenn sie sich auf das Spiel der Medien und Umfragen einlässt, das heißt, wenn sie sich in den Integrationskreis von Frage und Antwort begibt. Der Bereich der Wahlen ist jedenfalls die erste große Institution, in der der gesellschaftliche Austausch auf das Erhalten einer Antwort reduziert wird. […]: das allgemeine Wahlrecht ist das erste Massenmedium. Im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts vereinigen sich die politische und ökonomische Praxis mehr und mehr zu einem gleichen Typus von Diskurs. Propaganda und Werbung gehen in derselben Marketing- und Verkaufsstrategie eine Fusion ein – ganz gleich, ob es um Handelsobjekte oder den Einfluss von Ideen geht. Diese Konvergenz der Sprache des Ökonomischen und des Politischen ist übrigens bezeichnend für eine Gesellschaft wie die unsere, in der die ‚politische Ökonomie’ voll und ganz verwirklicht ist. Das bedeutet aber zugleich ihr Ende, denn die beiden Bereiche werden in einer ganz anderen Realität, der Hyperrealität der Medien, aufgehoben. (Baudrillard 1982, 102).

Durch Umfragen wird eine ‚öffentliche Meinung’ konstruiert, die die ganze politische Auseinandersetzung endgültig neutralisiert, indem sie die jeweiligen Zielsetzungen der Parteien absorbiert. Die öffentliche Meinung ist die reine, unpolitische und damit hyperreale Form der Repräsentation, nach ihr richten sich die Parteien und werden darum austauschbar – ihre Opposition ist lediglich simuliert. (Zapf, 128).

Die Meinungsumfragen – sie sind das wesentliche Medium der politischen Simulation. […] Zwischen dem Verlust des Realen und des politischen Bezugs und dem Auftauchen von Meinungsumfragen besteht eine strenge, notwendige Beziehung. (Baudrillard 1978, 43).

Wahlen dürfen also laut Baudrillard nicht überbewertet werden. Dies soll jedoch nicht dazu verleiten die Bedeutung von Wahlen, wie auch von Umfragen als Beeinflussung eben dieser Wahlen, zu unterschätzen, hat doch der Rechtsruck der letzten Wahlen tatsächliche Auswirkungen auf die Politik, und zwar keine positiven. Baudrillard mag also unterhaltsam zu lesen sein, auf wichtige Punkte hinweisen, vielleicht sollte man ihn aber auch nicht immer zu ernst nehmen:

Die Wahl ist grundsätzlich zufällig geworden: wenn die Demokratie ein fortgeschrittenes formalisiertes Stadium erreicht hat, verteilt sie sich auf gleichwertige Quotienten (50/50). Die Wahl folgt der Brownschen Molekularbewegung oder Wahrscheinlichkeitsrechnung; es ist, als ob alle blindlings wählen würden, es ist, als ob Affen wählen würden. (Baudrillard 1982, 107).

Vom Sinn und Unsinn des Wahlspektakels im Zeitalter der Postdemokratie

Weitere Kapitel

Einleitung samt Inhaltsverzeichnis

Claude Lefort und die Demokratie als Schaukampf

Simulierte Authentizität – Von der Personalisierung der Politik und den PolitikerInnen als Schauspielstars

Der Begriff der Postdemokratie – eine Einführung

Postdemokratie bei Colin Crouch

Politik, Polizei, Postdemokratie — Jacques Rancière

Literatur

Baudrillard, Jean (1978): Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen. Berlin: Merve.

Ders. (1982): Der symbolische Tausch und der Tod. München: Matthes & Seitz Verlag.

Debord, Guy (1996): Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin: Edition TIAMAT.

Dörner, Andreas (2001): Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. Frankfurt/M: Suhrkamp.

Meyer, Thomas (1998): Politik als Theater. Die neue Macht der Darstellungskunst. Berlin: Aufbau-Verlag.

Zapf, Holger (2010): Jenseits der Simulation – Das radikale Denken Jean Baudrillards als politische Theorie. Berlin: Lit Verlag.

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