Canguilhem: Gesundheit, Krankheit und Norm in Zeiten der Pandemie

Dieser Beitrag ist Teil der Coronavirus und die Philosophie Serie. Einen Überblick über die weiteren Teile dieser Blogbeitragsserie gibt es hier.

Im Rahmen dieser Reihe wurde schon viel über die Frage von unterschiedlichen (auch progressiven) Biopolitiken geschrieben. Wenn Biopolitik/macht laut Foucault jene Politik ist, die „Leben macht“ stellt sich aber die Frage was Leben und ganz besonders was gesundes Leben überhaupt heißen soll und ob es auf so etwas überhaupt allgemeine Antworten geben kann. In den Auseinandersetzungen mit dem Coronavirus, den Maßnahmen gegen eine schnelle Ausbreitung, den verschiedenen Szenarien der Ansteckung und den zahllosen Statistiken über die extrem unterschiedlichen Krankheitsverläufe, erscheint der Virus als etwas schwer Fassbares.

Es ist unbestritten dass jede*r auf je eigene Weise von dem Virus und dessen (auch zukünftigen) Auswirkungen betroffen ist, manche direkt manche zumindest vorerst nur indirekt, manche mehr manche weniger, manche mehrfach und auf viele unterschiedliche Arten und Weisen und manche (zumindest bisher) hauptsächlich durch die Maßnahmen gegen die Verbreitung. Der Virus wird dabei, abgesehen von zunehmend mehr Regionen in Europa, bisher vor allem als potentielle Krankheit, die bereits ihre Schatten auf uns wirft erfahren. Als medial vermittelte Krankheit, als Krankheit die man, obwohl man sie hat, womöglich gar nicht merkt, als Krankheit die wenn man sie hat vor allem für die Mitmenschen gefährlich ist, als Krankheit, die potentiell jeder andere in sich tragen könnte, kurz als Krankheit die immer mehr als nur einen selbst betrifft. Es ist dabei auch und vor allem die Unberechenbarkeit, sowohl was der Virus individuell für einen bedeutet als auch was er für die Gemeinschaft, die Mitmenschen und die Gesellschaft in Folge bedeutet, die die Angst und Sorge erhöhen. Der Virus wird daher von den meisten von uns grundsätzlich anders wahrgenommen als andere Krankheiten. Doch was ist Krankheit und Gesundheit überhaupt?

Vielleicht können hier die Überlegungen des Philosophen und Arztes Georges Canguilhem helfen, der sich Mitte des 20. Jahrhunderts mit genau diesen Fragen in seinem bahnbrechenden und weit über die Philosophie hinaus einflussreichen Werk Das Normale und das Pathologische (erstmals 1943) beschäftigt hatte. Canguilhem war besonders für Philosophen wie Foucault, Simondon, Derrida, Althusser und Deleuze ein wichtiger Bezugspunkt. Seine Schriften zur Medizintheorie hatten dabei starken Einfluss auf das Verständnis von Medizin, und genau deshalb könnten auch seine Überlegungen zu dem was Gesundheit und Krankheit eigentlich heißen, auch in dieser jetzigen Situation von Interesse. Im Folgen werden daher grob verkürzend und lediglich fragmentarisch einige Bemerkungen zu Krankheit, Gesundheit und Norm zitiert.

Ausschnitte — Das Normale und das Pathologische

Die Unberechenbarkeit des Lebens

Die zentrale These gegen die Canguilhem sich in diesem Werk wendet, ist das Verständnis von Gesundheit als „Normalzustand“ und der Krankheit als Abweichung davon. Gesundheit so Canguilhem ist nicht normal, sondern normativ, Gesundheit sei „biologischer Luxus“ (209). Um diese originelle Definition besser zu verstehen muss man nach dem Lebensbegriff fragen. Für Canguilhem ist das Leben als soziales Leben, als Leben in je konkreten Milieus vor allem durch seine Wechselhaftigkeit und durch die Unberechenbarkeit der Umwelt bestimmt.

Da das konkrete Lebewesen in einer Welt konkreter Objekte lebt, lebt es auch in einer Welt möglicher Wechselfälle. Nichts geschieht per Zufall aber alles in Gestalt von Ereignissen. Eben darin ist die Umwelt unverlässlich. Ihre Unverlässlichkeit ist recht eigentlich ihr Werden, ihre Geschichte. (208)

Im Angesicht dieser Unverlässlichkeit ist Leben vor allem „Auseinandersetzung“, reagieren, improvisieren, anpassen. Canguilhem:

Für das Lebewesen ist das Leben mithin keine monotone Deduktion, keine geradlinige Bewegung, es kennt keinerlei geometrische Rigidität, sondern ist — wie Goldstein es nennt – im doppelten Sinne Auseinandersetzung mit einer Umwelt voller undichter Stellen, Löcher, Ausweichmanöver und unerwarteter Widerstände. (208)

Gesundheit als „biologischer Luxus“

Gesundheit ist daher für Canguilhem vor allem die Möglichkeit auf diese Unverlässlichkeit zu reagieren. Kurz:

Gesundheit ist eine Marge an Toleranz gegenüber der Unverlässlichkeit der Umwelt. (207)

Gesundheit heißt mehr Handlungsspielraum in der Unverlässlichkeit zu haben, Gesundheit wird hier also als Absicherung verstanden. Deswegen ist sie für Canguilhem „biologischer Luxus“, weil sie ermöglicht krank werden zu können, weil sie eine „Sicherheitsreserve“ bietet:

Gesundheit ist ein Komplex von — wie es im Deutschen heißt — Sicherungen, Absicherungen in der Gegenwart und Versicherungen gegenüber der Zukunft. Wie es psychisch eine Sicherheit gibt, die nicht der Anmaßung gleichzusetzen ist, so gibt es eine biologische Sicherheit, die alles andere als Maßlosigkeit ist: die Gesundheit. Gesundheit ist eine Sicherheitsreserve an Reaktionsmöglichkeiten. Für gewöhnlich schöpft das Leben seine Möglichkeiten bei weitem nicht aus; im Bedarfsfall jedoch erweist sich, dass seine Leistungsfähigkeit größer ist als veranschlagt. (208) […] Bei guter Gesundheit sein heißt: krank werden können und davon genesen; die Gesundheit ist ein biologischer Luxus. (209)

Krankheit als Einschränkung

Wenn Gesundheit also einen Handlungsspielraum lässt, dann ist Krankheit das Gegenteil, einschränkend in Bezug auf den Handlungsspielraum gegenüber der Unverlässlichkeit des Lebens und der Umwelt. Krankheit ist eine „Reduktion der Toleranzbreite“. Canguilhem:

Das Spezifische der Krankheit ist umgekehrt eine Reduktion der Toleranzbreite gegenüber der Unverlässlichkeit der Umwelt. […]Reduktion bedeutet hier, dass man nur noch in einer anderen Umwelt, schon nicht mehr in Resten der alten leben kann. […]Die weit verbreitete Furcht vor den Komplikationen der Krankheit ist ja Ausdruck eben dieser Erfahrung. Man pflegt in erster Linie die Krankheit, in welche uns eine gegebene Krankheit zu stürzen droht, und nicht so sehr diejenige, die man gerade hat, denn man fürchtet weniger eine Komplikation dieser Krankheit als eine sich überstürzende Folge von Krankheiten. Jede Krankheit mindert die Fähigkeit, sich anderer Erkrankungen zu erwehren, bedeutet einen Verschleiß der ursprünglichen biologischen Sicherung, ohne die es Leben gar nicht gäbe. (209)

Nicht normal sondern normativ

Gesundheit wird daher eben nicht als Normalzustand verstanden, denn was soll „normal“ bei dieser Vielfältigkeit der Lebewesen, der Menschen und der Umwelt überhaupt bedeuten. Für Canguilhem gibt es das Normale auch in der Krankheit aber eben ohne Flexibilität, der „Kranke hat nur eine Norm“. Canguilhem wehrt sich damit gegen eine vermeintlich objektive Einteilung von Gesundheit und Krankheit, eine für alle gleich gültige Einteilung, eine Einteilung in objektiv gesunde Menschen und objektiv kranke. Nicht jedoch um Menschen das Kranksein abzusprechen sondern um der Vielfältigkeit und Individualität von Krankheitsverlaufen gerecht zu werden. Krankheit und Gesundheit sind keine objektiven Kriterien sondern Relationen zu sich selbst und der Umwelt.

Der gesunde Organismus strebt weniger danach, sich in seinem aktuellen Zustand und seiner gegebenen Umwelt zu erhalten; er strebt nach Verwirklichung seines Wesens. Zu diesem Zweck jedoch muss der Organismus Risiken eingehen und dabei eventuelle Katastrophenreaktionen in Kauf nehmen. Der gesunde Mensch stellt sich den Problemen, welche aus den oftmals abrupten Veränderungen seiner Gewohnheiten — selbst der bloß physiologischen — entstehen; er misst seine Gesundheit an der Fähigkeit, die Krisen seines Organismus zu überstehen und eine neue Ordnung zu etablieren. (210)

Gesundheit ist nicht normal sondern befähigt neue Normen zu setzen, ergo normativ zu sein:

Erkennt man an, dass die Krankheit eine Art biologischer Norm bleibt, so folgt daraus zugleich, dass der pathologische Zustand nicht absolut, sondern nur im Verhältnis zu einer bestimmten Situation anormal genannt werden kann. Entsprechend sind Gesundsein und Normalsein nicht völlig gleichwertig, da das Pathologische selbst eine Art von Normalem ist. Gesund sein heißt nicht bloß, in einer gegebenen Situation normal, sondern auch ‑in dieser oder in anderen möglichen Situationen ‑normativ sein. Was die Gesundheit ausmacht, ist die Möglichkeit, die das augenblicklich Normale definierende Norm zu überschreiten; die Möglichkeit, Verstöße gegen die gewohnheitsmäßige Norm hinzunehmen und in neuen Situationen neue Normen in Kraft zu setzen. (206)

Der Mensch fühlt sich bei guter Gesundheit (und das ist die Gesundheit schlechthin) einzig dann, wenn er sich mehr als normal (d.h. der Umwelt und ihren Forderungen angepasst), nämlich normativ fühlt, mithin fähig zu einem Leben unter neuen Normen. (210)

Krankheit ist daher nicht das Gegenteil von Normal sein, sondern die eingeschränkte Fähigkeit normativ zu sein:

Der Kranke ist krank, weil er nur eine Norm zulassen kann. Unter Rückgriff auf einen Terminus, der sich bereits bewährt hat, könnten wir sagen: Der Kranke ist nicht anormal, weil ihm eine Norm fehlt, sondern aufgrund seines Unvermögens, sich normativ zu verhalten. (194)

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es hier nicht um eine esoterische oder neoliberale Medizinkritik geht, im Sinne: „du bist nur krank wenn du dich krank fühlst“ und ähnliche Unsinnigkeiten. Ganz im Gegenteil ist es Canguilhems Ziel die Komplexität von Beurteilungen in Bezug auf Krankheit und Gesundheit zu denken.

Vielmehr sind wir der Ansicht, dass das Leben eines Lebewesens, sogar das einer Amöbe, die Kategorien Gesundheit und Krankheit lediglich in empirischer Erfahrung, welche in erster Linie ein Erfahren im affektiven Sinne ist, und nicht über die Wissenschaft kennenlernt Die Wissenschaft erklärt die Erfahrung, hebt sie aber darum keineswegs auf. (208)

Krankheit als Relationalität zu verstehen, heißt eben nicht nur Durchschnittswerte zu sehen und nach diesen die einen als krank und die anderen als gesund einzuteilen.

Die Krankheit zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen Ablauf unterbricht, dass sie also recht eigentlich eine kritische ist. Selbst wenn die Krankheit, nachdem sie erst kritisch war, chronisch wird, bleibt ein Damals, dem der Patient oder seine Umgebung nachhängen. Krank ist man also nicht allein in Bezug auf andere, sondern auch im Verhältnis zu sich selbst. (141)

Konklusion

Ziel dieser Zitatesammlung ist dabei nicht diese Konzeption einfach so auf die momentane Situation einer Pandemie anzuwenden. Genau das wäre ja auch gegen Canguilhems Intention. Jedoch kann gerade in einer Zeit in der Gesundheit und Krankheit zu dem Hauptthema wurden, und die Frage warum die einen den Virus kaum merken und die anderen eine Ansteckung nicht überleben, eine Reflexion von Begriffen die oftmals wie selbstverständlich verwendet werden helfen. Hier kann Canguilhem ganz bestimmt einen Beitrag leisten, dafür jedoch empfiehlt sich eine ausgiebigere genaue Lektüre seiner Werke.

Literatur:

Canguilhem, Georges (2013)[1943]: Das Normale und das Pathologische. Neu überarbeitet und übersetzt. Berlin: August Verlag.

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