Foucault II: Der Virus und die Biopolitik/-macht

Dieser Beitrag ist ein Teil der Coronavirus und die Philosophie Serie. Einen Überblick über die weiteren Teile dieser Blogbeitragsserie gibt es hier.

In dem ersten Beitrag dieser Serie habe ich ein paar Ausschnitte aus Foucaults Werk Überwachen und Strafen zitiert, die in der momentan alles beherrschenden Diskussion über den Coronavirus von Interesse sein könnten. Dabei ging es um die Geburt der Disziplinargesellschaft in der Pestseuche des 17. Jahrhunderts. In diesem Beitrag möchte ich einen weiteren Begriff von Foucault, der nicht erst jetzt von höchster Aktualität und vor allem Relevanz zu sein scheint, in aller Kürze darstellen. In seiner Vorlesungsreihe In Verteidigung der Gesellschaft am Collège de France in 1975/76 entwickelte er einen Begriff weiter, der in ähnlicher Form schon in Willen zum Wissen auftauchte, aber besonders in der Vorlesungseinheit vom 17.März 1976 konzipiert und ausformuliert wurde, nämlich Bio-Macht.

Die ‘Verstaatlichung des Biologischen’

Die zentrale These dieser Vorlesung ist, dass die Bio-Macht jene Machttransformation beschreibt, die im Übergang von der Souveränitätsmacht zur „Macht über das Leben“ stattfand. Der Souverän hatte noch die Macht Leute hinzurichte, also entweder „sterben zu machen oder leben zu lassen“ wie Foucault es nennt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich jedoch eine Macht, die nahezu eine „umgekehrte“ Macht zu sein scheint, nämlich jene Macht „leben zu ‚machen‘ und sterben zu ‚lassen‘“ (284). Ins Zentrum der Macht rückt damit nicht der Tod sondern eben das Leben, die Kontrolle des Lebens, die „Verstaatlichung des Biologischen“ (282). Nicht mehr der einzelne Körper steht hier im Fokus, sondern die Bevölkerung als kollektiver „multipler Körper“ (289). Angeleitet von neuen wissenschaftlichen Möglichkeiten und Erkenntnissen gilt es nicht mehr den einzelnen Körper zu disziplinieren, sondern die Bevölkerung als statistische Masse, als Geburten- und Sterberate zu kontrollieren und zu regieren. Auch Krankheit wird daher im politischen Diskurs der Biopolitik nicht mehr als ein Problem eines einzelnen Körpers betrachtet, sondern auf die Problematik des kollektiven Gesamtkörpers gerechnet. Dabei gilt es Information und Statistiken zu erheben und zu zentralisieren und daraus biopolitische Regelungen abzuleiten, so z.B. Hygiene-Maßnahmen, Vorsorgeuntersuchungen usw. Die Transformation zur Bio-Macht ist dabei, wie so oft bei Foucault, keine bloße Kritik an einer Entwicklung sondern vielmehr eine Deskription einer historisch-politischen Verschiebung, die jedoch für uns heute von Relevanz ist. Solch eine Verschiebung muss allerdings nicht per se nur negativ sein.

Die Souveränität machte sterben und ließ leben. Nun tritt eine Macht in Erscheinung, die ich als Regulierungsmacht bezeichnen würde und die im Gegenteil darin besteht, leben zu machen und sterben zu lassen. (291)

Die Politik des ‘Sterben-Lassens’

Die Biomacht entscheidet also nicht mehr über das Schicksal einzelner Körper, diesen zu töten oder jenen leben zu lassen, sondern macht leben oder lässt sterben, kurz: greift dort ein wo es leben machen möchte, wo es Leben erhalten und fördern möchte oder verhindert Eingriffe um sterben zu lassen. Nicht der Tod ist dabei der politische Entscheidungsakt, sondern das Sterben lassen. Die Biomacht ist also eine Macht, die gerade heute schon vor der aktuellen weltweiten Pandemie von enormer Relevanz und Brisanz war. Schließlich umschließt die Biomacht zahllose umkämpfte Bereiche, von Fragen der Sterbehilfe, der Abtreibung und anderen Gesundheitspolitiken bis hin zu Fragen der europäischen Flüchtlingspolitik, die sich in den letzten Jahren und vor allem auch den letzten Wochen wieder ganz besonders im „sterben lassen“ an und vor den Grenzen Europas übte.

Schon Foucault wies in seiner Vorlesung auf die zentrale Rolle des Rassismus für diese Biopolitik/macht hin. Denn der Rassismus ist die „Zäsur zwischen dem, was leben, und dem, was sterben muss“ (301). Die Biomacht arbeitet nämlich vor allem durch Normierung. Doch um eine Norm zu schaffen, braucht es das, was als Anormal klassifiziert wird, was außerhalb dieser Norm liegt. Hier hat der Rassismus eine konstituierende Rolle, denn in den westlichen Gesellschaften ist es vor allem der Rassismus, aber in weiterer Form auch Sexismus, Klassismus und Ableismus, die als Abweichung der Norm eingeteilt werden, eine Einteilung die damit überhaupt erst die Norm konstruiert.

Was ist der Rassismus letztendlich? Zunächst ein Mittel, um in diesen Bereich des Lebens, den die Macht in Beschlag genommen hat, eine Zäsur einzuführen: die Zäsur zwischen dem, was leben und dem, was sterben muss. (301)

Biomacht und Coronavirus

Die Biomacht als Macht also, die Leben macht und sterben lässt, als Macht die die Bevölkerung und dann erst abgeleitet davon in zweiter Instanz den individuellen Körper reguliert, ist momentan besonders aktiv. Denn gerade im Umgang mit dem Coronavirus geht es eben nicht so sehr um die Behandlung des einzelnen Individuums sondern die Regulierung der Bevölkerung, die Regulierung der Mobilität der Begegnung oder eben der Nicht-Begegnung einzelner. Dabei zählt weniger der einzelne Kontakt, die einzelne Übertragung, sondern die statistischen Entwicklungen der Übertragungsraten und der damit verbundenen Intensivversorgungsraten und der Mortalitätsrate. Aber – und dies ist besonders relevant – auch die Regulierung der Teile der Bevölkerung, die eben nicht isoliert und geschützt werden, die in den Fabrikshallen und Baustellen weiterarbeiten müssen, jenen die keinen Schlafplatz oder keine Wohnung haben oder bekommen um sich isolieren und zurückziehen zu können; vor allem aber jenen in den Flüchtlingslagern an der Grenze, die sowohl dem Virus als auch anderen Gefahren ausgesetzt sind, jene also die die Biomacht „sterben lässt“.

Zum Weiterlesen

Sehr informativ und gut zu lesen ist der Eintrag zu Biopolitik/-Macht im Foucault Handbuch geschrieben von Petra Gehring (2008)

Zum Nachlesen: Passagen aus Foucaults Vorlesung im Wortlaut

Eine neue Macht

Mir scheint, dass eines der grundlegenden Phänomene des 19. Jahrhunderts in dem bestand und noch besteht, was man die Vereinnahmung des Lebens durch die Macht nennen könnte: wenn Sie so wollen, eine Machtergreifung auf den Menschen als Lebewesen, eine Art Verstaatlichung des Biologischen oder zumindest eine gewisse Tendenz hin zu dem, was man die Verstaatlichung des Biologischen nennen könnte. (282)

[I]m 17. und 18. Jahrhundert sieht man Machttechniken entstehen, die wesentlich auf den Körper, den individuellen Körper gerichtet waren. All diese Prozeduren ermöglichten die räumliche Verteilung der individuellen Körper (ihre Trennung, ihre Ausrichtung, ihre Serialisierung und Überwachung) und die Organisation eines ganzen Feldes der Sichtbarkeit rund um diese individuellen Körper. Mit Hilfe dieser Techniken vereinnahmte man die Körper, versuchte man ihre Nutzkraft durch Übung, Dressur usw. zu verbessern. Es handelte sich zugleich um Techniken der Rationalisierung und der strikten Ökonomie einer Macht, die auf am wenigsten kostspielige Weise mittels eines gesamten Systems der Überwachung, der Hierarchie, Kontrolle, Aufzeichnung und Berichte ausgeübt werden sollte: Diese gesamte Technologie wird man als Disziplinartechnologie der Arbeit bezeichnen. Sie wurde mit dem ausgehenden 17. und im Laufe des 18. Jahrhunderts installiert. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehen wir, wie mir scheint, etwas Neues auftreten, das eine andere, diesmal nicht-disziplinäre Machttechnologie darstellt. […] Diese neue Technik der nicht-disziplinären Macht lässt sich nun – im Gegensatz zur Disziplin, die sich auf den Körper richtet – auf das Leben der Menschen anwenden; sie befasst sich, wenn Sie so wollen, nicht mit dem Körper-Menschen, sondern dem lebendigen Menschen, dem Menschen als Lebewesen, und letztendlich, wenn Sie so wollen, dem Gattungsmenschen. (285f)

Masse statt Individuum, Bevölkerung statt einzelnem Körper

Die neue Technologie dagegen richtet sich an die Vielfalt der Menschen, nicht insofern sie sich zu Körpern zusammenfassen lassen, sondern insofern diese im Gegenteil eine globale Masse bilden, die von dem Leben eigenen Gesamtprozessen geprägt sind wie Prozessen der Geburt, des Todes, der Produktion, Krankheit usw. Nach einem ersten Machtzugriff auf den Körper, der sich nach dem Modus der Individualisierung vollzieht, haben wir einen zweiten Zugriff der Macht, nicht individualisierend diesmal, sondern massenkonstituierend, wenn Sie so wollen, der sich nicht an den Körper-Menschen, sondern an den Gattungs-Menschen richtet. Nach der Anatomie-Politik des menschlichen Körpers, die sich im Laufe des 18. Jahrhunderts ausbreitete, sehen wir am Ende dieses Jahrhunderts etwas auftreten, das keine Anatomie-Politik des menschlichen Körpers mehr ist, sondern etwas, das ich als »Biopolitik« der menschlichen Gattung bezeichnen würde. (286)

In dieser Biopolitik handelt es sich nicht einfach um das Problem der Fruchtbarkeit. Es geht auch um das Problem der Sterblichkeit, nicht mehr einfach, wie es bis dahin der Fall war, auf der Ebene jener berühmten Epidemien, deren Gefahr die politischen Mächte seit dem tiefen Mittelalter so sehr bedrohte (die berühmten Epidemien, die vorübergehende Dramen des vervielfachten Todes, des allen drohenden Todes waren). Zu diesem Zeitpunkt gegen Ende des 18. Jahrhunderts geht es sich nicht um Epidemien, sondern um etwas anderes, das man Endemien nennen könnte, das heißt die Form, Natur, Ausdehnung, Dauer und Intensität der in einer Bevölkerung herrschenden Krankheiten. Mehr oder weniger schwer ausrottbare Krankheiten, die anders als die Epidemien nicht unter dem Blickwinkel zunehmender Todesursachen betrachtet werden, sondern als permanente Faktoren so werden sie behandelt des Entzugs von Kräften, der Verminderung der Arbeitszeit, des Energieverlustes und ökonomischer Kosten, und zwar ebensosehr aufgrund des von ihnen produzierten Mangels wie der Pflege, die sie kosten können. Kurz, Krankheit als Bevölkerungsphänomen: nicht mehr als Tod, der sich brutal auf das Leben legt das ist die Epidemie , sondern als permanenter Tod, der in das Leben hineinschlüpft, es unentwegt zerfrisst, es mindert und schwächt. (287)

Die Disziplinen hatten es praktisch mit dem Individuum und seinem Körper zu tun. In der neuen Technologie der Macht hat man es dagegen nicht unbedingt mit der Gesellschaft (oder zumindest mit dem Gesellschaftskörper, wie ihn die Juristen definieren) zu tun und ebensowenig mit dem individuellen Körper. Es ist ein neuer Körper: ein multipler Körper mit zahlreichen Köpfen, der, wenn nicht unendlich, zumindest nicht zwangsläufig zählbar ist. Es geht um das Konzept der »Bevölkerung«. Die Biopolitik hat es mit der Bevölkerung, mit der Bevölkerung als politischem Problem, als zugleich wissenschaftlichem und politischem Problem, als biologischem und Machtproblem zu tun ich denke, dass dies der Augenblick ist, in dem sie in Erscheinung tritt. (289)

Der private Tod

Jetzt, da die Macht weniger und weniger in dem Recht, sterben zu machen, und immer mehr in dem Recht liegt, zugunsten des Lebens zu intervenieren und auf die Art des Lebens und das »Wie« des Lebens einzuwirken, jetzt, da die Macht vor allem eingreift, um das Leben zu verbessern, seine Unfälle, Zufälle, Mangelerscheinungen zu kontrollieren, wird der Tod als Endpunkt des Lebens mit einem Schlag natürlich zum Schlussstein, zur Grenze, zum Ende der Macht. Er steht außerhalb der Macht: Er ist das, was sich ihrem Zugriff entzieht und worauf die Macht nur allgemein, global und statistisch Zugriff hat. Die Macht hat nicht auf den Tod, sondern auf die Sterberate Zugriff. Insofern ist es normal, dass der Tod jetzt auf die Seite des Privaten und ins Allerprivateste abgleitet. (292)

Wir haben also zwei Serien: die Serie Körper Organismus Disziplin Institutionen; und die Serie Bevölkerung biologische Prozesse Regulierungsmechanismen Staat. Ein organisches institutionelles Ganzes: eine Organo-Disziplin der Institution, wenn Sie so wollen, und auf der anderen Seite eine biologische und staatliche Gesamtheit: die Bio-Regulierung durch den Staat. (295)

Die rassistische ‘Norm’

Die Norm, das ist das, was sich auf einen Körper, den man disziplinieren will, ebensogut anwenden lässt wie auf eine Bevölkerung, die man regulieren will. Die Normalisierungsgesellschaft ist, so gesehen, nicht eine Art verallgemeinerter Disziplinargesellschaft, deren Disziplinarinstitutionen sich ausgebreitet und die schließlich den gesamten Raum abgedeckt hätten – dies ist nur eine erste und, wie ich denke, unzureichende Interpretation der Idee der Normalisierungsgesellschaft. Die Normalisierungsgesellschaft ist eine Gesellschaft, in der sich entsprechend einer orthogonalen Verknüpfung die Norm der Disziplin und die Norm der Regulierung miteinander verbinden. (298f)

Dort, wo eine Normalisierungsgesellschaft vorliegt, dort, wo Sie eine Macht vorfinden, die zumindest auf ihrer Oberfläche und in erster Instanz, in erster Linie, eine Bio-Macht ist, dort ist der Rassismus notwendige Bedingung dafür, jemanden dem Tod auszuliefern oder die anderen zu töten. Die Tötungsfunktion des Staates kann, sobald der Staat nach dem Modus der Bio-Macht funktioniert, nicht anders gesichert werden als durch Rassismus. (302)

Literatur

Foucault, Michel (2001): In Verteidigung der Gesellschaft. Frankfurt/M: Suhrkamp.

Die gesamte Vorlesungseinheit vom 17. März 1976 gibt es hier auch als PDF zum Nachlesen

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