Der Coronavirus und die Philosophie. Zwischen Biopolitik, ‚Ausnahmezustand‘ und der Hoffnung auf Revolution

Philosophische Reflexionen und Analysen bestimmter historischer und gesellschaftspolitischer Ereignisse und Entwicklungen finden zumeist sehr viel später, im Nachhinein in ihrer Ausführlichkeit statt, nicht zuletzt weil Philosophie Zeit braucht. So dauert es meistens zumindest ein paar Monate bis erste größere philosophische Betrachtungen verschiedener Ereignisse verfügbar sind. Philosophie ist selten ein aktueller Kommentar zum schnelllebigen Newsfeed. Dennoch und umso mehr spielen aber philosophische Konzepte entscheidende Rollen in der Einordnung und Kommentierung aktueller Ereignisse. Die Arbeiten von Foucault zur Biopolitik oder Mbembes Konzept der Nekropolitik sind dabei natürlich besonders aktuell, aber auch Agambens Arbeiten zum Ausnahmezustand werden momentan viel zitiert. Auch philosophische Untersuchungen zur Problematisierung von normierter Gesundheit wie sie Canguilhem oder auch Nancy vornahmen, kommen wieder verstärkt in den Fokus. Auch in einem meiner Spezialfelder, der Technikphilosophie, gibt es viele Konzepte, deren Brauchbarkeit und Überzeugungskraft sich in der momentanen Situation zeigt.

Doch es spielen nicht nur bereits ausformulierte bekannte philosophische Konzepte im momentan alles dominierenden Diskurs über den Coronavirus eine gewichtige Rolle. Denn auch wenn politische Analysen und verständlicherweise naturwissenschaftliche Expertisen und Erkenntnisse die meistgelesenen oder zumindest meist zitierten und retweeteten Beiträge in diesem Diskurs darstellen, melden sich nun auch, nachdem die Lage bereits seit einiger Zeit in immer mehr Teilen der Welt ernster wird, vermehrt Philosoph*innen zu Wort und formulieren erste Einschätzungen. Das schnelle Hot-Takes von medial besonders beliebten Philosophen (zumeist nur Männer) nicht immer zu den Sternstunden der Philosophie zählen ist allzu bekannt.

In dieser mehrteiligen Reihe möchte ich trotzdem einige dieser Reaktionen versammeln und in kurzen Beiträgen zusammenfassen und gegebenenfalls kritisieren. Dabei werde ich mich sowohl aktuellen Kommentaren verschiedener Philosoph*innen zum Coronavirus widmen und andererseits auch die einen oder anderen verschiedenen älteren Texte und Theorien einbringen, die zu einer Einordnung der Ereignisse hilfreich sein könnten.

Teil 1: Foucault: In der Seuche die Disziplinarmacht

Einige Kurze Passagen aus Überwachen und Strafen, über die Geburt der Disziplinarmacht in der Reaktion auf die Pest.

Teil 2: Agamben: Der homo sacer im Ausnahmezustand des Coronavirus

Kurzer Überblick über einige der zentralen Begriffe aus agambens Hauptwerk homo sacer

Teil 3: Agamben II: Ausnahmezustand oder schon Verschwörungstheorie

Zusammenfassung und Kritik von Agambens etwas eigenartigen Kommentar von Ende Februar über die Reaktion der italienischen Regierung auf den Coronavirus

Teil 4: Nancy vs. Agamben: Die ‘virale Ausnahme’

Zusammenfassung von Jean Luc Nancys Kritik an Agambens Kommentar zum Coronavirus

Teil 5: Esposito: Von der ‚Politisierung der Medizin‘ und dem Zusammenbruch des Systems

Kurze Zusammenfassung und Kritik der Antwort auf die Antwort, also Roberto Espositos Replik auf Nancys Kritik an Agamben

Teil 6: Žizek I: Der Coronavirus – ein hollywoodreifer Todesschlag gegen den Kapitalismus?

Kurze Zusammenfassung und Kritik von Žizeks ersten Kommentar zum Coronavirus und seiner Hoffnung dass aus dieser Krise eine neue Solidarität und eine “reinvention of communism” folgen könnte.

Teil 7: Foucault II: Der Virus und die Biopolitik/-macht

Kurze Einführung in Foucaults Konzepte der Biopolitik und Biomacht im Kontext des Coronavirus. Inklusive einer Auswahl an längeren Abschnitten aus Foucaults Originaltext

Teil 8: Agamben III: Nach dem Virus sind wir nur noch ’nacktes Leben’ und andere ‘Klarstellungen’

Kurze Zusammenfassung und vor allem Kritik des zweiten Texts von Giorgio Agamben zum Coronavirus, der den Titel ‘Klarstellungen’ trägt.

Teil 9: Über die (Un)Möglichkeiten einer demokratischen Biopolitik

Einige Gedanken darüber, ob jede Biopolitik immer totalitär, repressiv und von oben sein muss oder ob es auch so etwas wie eine demokratische Biopolitik von unten geben kann.

Teil 10: Zizek II: Das ‘Begehren’ nach Überwachen und Strafe in Zeiten des Virus

Ist totalitaristische Politik besser gewappnet mit den Virus zu überstehen und wo bleibt die Solidarität? Kommentar des recht ausführlichen und durchaus interessanten Artikel Zizeks Monitor and Punish, Yes Please!

Teil 11: Canguilhem: Gesundheit, Krankheit und Norm in Zeiten der P’andemie

Einige Ausschnitte aus Canguilhems Werk Das Normale und das Pathologische über Gesundheit, Krankheit und Norm

Teil 12: Butler: Die Frage der Gleichheit vor dem Virus

Einige Bemerkungen zu Judith Butlers Text “Capitalism has its Limits” zu dem Coronavirus im Kontext des US-Wahlkampfes

Teil 13: Quicktakes I: Die Normalität vor/in/nach der Pandemie

In diesen ersten „Quicktakes“ geht es um eine Reihe an verschiedensten Beiträgen, die alle in direkterer oder indirekter Form die Frage der Normalität vor/in/nach der Pandemie stellen.

Dieser Beitrag wurde in Allgemein, Politische Beobachtungen, Politische Theorie, Rezensionen veröffentlicht und getaggt , , , , , , , , , , , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ein Kommentar