Foucault: In der Seuche die Disziplinarmacht

Dies ist der erste Beitrag einer Serie von Beiträgen, die sich mit den Zusammenhängen von Philosophie und dem Coronavirus beschäftigen. Dazu gibt es einerseits Kommentare von Philosoph*innen rund um den Coronavirus. Andererseits gibt es Referenzen auf Begriffe und Konzepte, die gerade in der jetzigen Situation von tragischer Aktualität erscheinen, Begriffen also die die Macht des Staates, die Biopolitik usw ansprechen. Begriffe, die darlegen, dass das was wir jetzt als Ausnahme und in einem bisher sehr kleinen Ausmaß erfahren, die zu Grunde liegenden Machtmechanismen moderner Gesellschaften sind, Macht, die besonders die prekären Gruppen, also jene die in und aus unseren Gesellschaften ein- und/oder ausgeschlossen sind, sowie jene die tagtäglich Unterdrückung und Ausbeutung erfahren, immer erleiden müssen. Macht also, die im globalen Kapitalismus und der Postdemokratie (siehe dazu die Serie auf diesem Blog) konstitutiv für heutige Gesellschaftsformationen zu sein scheint.

Den Beginn so einer Serie kann eigentlich nur ein Denker machen, der Denker der Quarantäne, der Disziplinargesellschaft und vor allem der Biopolitik. Michel Foucault hat sich zeitlebens, wie kein anderer, mit Praktiken und Machtformationen beschäftigt, die momentan den politischen Alltag für nahezu alle Menschen besonders bestimmen. Dabei ist es ihm wichtig gewesen, die Machttransformationen, die sich z.B. in Extremsituationen wie der Pestseuche gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelten und verfestigten, nicht als Ausnahmefälle zu beschreiben, sondern als die Geburten und In-Kraft-Setzungen neuer allgemein gültiger und auch nach der Seuche weiter geltender Verhältnisse. Nicht geht es dabei um eine Kritik an den Maßnahmen in der Situation der Seuche, sondern um das Entstehen und Verfestigen, um das Normalisieren und sich in alle Köpfe und vor allem Körper einschreibende neue Machtparadigma.

Es ist besonders das berühmte Kapitel „Der Panoptismus“ (S. 251–294) das, wenn man es jetzt liest, nicht nur aktueller als sonst erscheint, sondern vielleicht auch nochmal auf einer anderen Ebene verstanden werden kann. Darum sollen nun im Folgenden einige kurze Abschnitte dieses Kapitels zitiert werden.

Ausschnitte aus Überwachen und Strafen [1975]

Nach einem Reglement vom Ende des 17. Jahrhunderts mussten folgende Maßnahmen ergriffen werden, wenn sich die Pest in einer Stadt ankündigte. Vor allem ein rigoroses Parzellieren des Raumes: Schließung der Stadt und des dazugehörigen Territoriums; Verbot des Verlassens unter Androhung des Todes; Tötung aller herumlaufenden Tiere; Aufteilung der Stadt in verschiedene Viertel […]Der Raum erstarrt zu einem Netz von undurchlässigen Zellen. Jeder ist an seinen Platz gebunden. Wer sich rührt, riskiert sein Leben: Ansteckung oder Bestrafung. (251)

Dieser geschlossene, parzellierte, lückenlos überwachte Raum, innerhalb dessen die Individuen in feste Platze eingespannt sind, die geringsten Bewegungen kontrolliert und sämtliche Ereignisse registriert werden, eine ununterbrochene Schreibarbeit das Zentrum mit der Peripherie verbindet, die Gewalt ohne Teilung in einer bruchlosen Hierarchie ausgeübt wird, jedes Individuum ständig erfasst, geprüft und unter die Lebenden, die Kranken und die Toten aufgeteilt wird — dies ist das kompakte Modell einer Disziplinierungsanlage. Auf die Pest antwortet die Ordnung, die alle Verwirrungen zu entwirren hat: die Verwirrungen der Krankheit, welche sich überträgt, wenn sich die Körper mischen, und sich vervielfältigt, wenn Furcht und Tod die Verbote auslöschen, Die Ordnung schreibt jedem seinen Platz, jedem seinen Körper, jedem seine Krankheit und seinen Tod, jedem sein Gut vor: kraft einer allgegenwärtigen und allwissenden Macht, die sich einheitlich bis zur letzten Bestimmung des Individuums verzweigt – bis zur Bestimmung dessen, was das Individuum charakterisiert, was ihm gehört, was ihm geschieht. Gegen die Pest, die Vermischung ist, bringt die Disziplin ihre Macht, die Analyse ist, zur Geltung. (253f)

Es gab um die Pest eine ganze Literatur, die ein Fest erträumte: die Aufhebung der Gesetze und Verbote; das Rasen der Zeit; die respektlose Vermischung der Körper; das Fallen der Masken und der Einsturz der festgelegten und anerkannten Identitäten, unter denen eine ganz andere Wahrheit der Individuen zum Vorschein kommt. Jedoch gab es auch einen entgegengesetzten, einen politischen Traum von der Pest: nicht das kollektive Fest, sondern das Eindringen des Reglements bis in die feinsten Details der Existenz vermittels einer perfekten Hierarchie, welche das Funktionieren der Macht bis in ihre letzten Verzweigungen sicherstellt. Hier geht es nicht um Masken, die man anlegt oder fallen lässt, sondern um den ‚wahren‘ Namen, den ‚wahren‘ Platz, den ‚wahren‘ Körper und die ‚wahre‘ Krankheit, die man einem jeden zuweist. Der Pest als zugleich wirklicher und erträumter Unordnung steht als medizinische und politische Antwort die Disziplin gegenüber. Hinter den Disziplinarmaßnahmen steckt die Angst vor den ‚Ansteckungen‘, vor der Pest, vor den Aufständen, vor den Verbrechen, vor der Landstreicherei, vor den Desertionen, vor den Leuten, die ungeordnet auftauchen und verschwinden, leben und sterben. (254 )

Wenn es wahr ist, dass die Ausschließungsrituale, mit denen man auf die Lepra antwortete, bis zu einem gewissen Grad das Modell für die große Einsperrung im 17. Jahrhunden abgegeben haben, so hat die Pest das Modell der Disziplinierungen herbeigerufen. Anstelle einer massiven und zweiteilenden Grenzziehung zwischen den einen und den andern verlangt die Pest nach vielfältigen Trennungen, nach individualisierenden Aufteilungen, nach einer in die Tiefe gehenden Organisation der Überwachungen und der Kontrollen, nach einer Intensivierung und Verzweigung der Macht. Der Leprakranke wird verworfen, ausgeschlossen, verbannt: ausgesetzt; draußen lässt man ihn in einer Masse verkommen, die zu differenzieren sich nicht lohnt. Die Pestkranken hingegen werden sorgfältig erfasst und individuell differenziert – von einer Macht, die sich vervielfältigt, sich gliedert und verzweigt. Die große Einsperrung auf der einen Seite und die gute Abrichtung auf der andern; die Aussetzung der Lepra und die Aufgliederung der Pest; die Stigmatisierung des Aussatzes und die Analyse der Pest. Die Verbannung der Lepra und die Bannung der Pest — das sind nicht dieselben politischen Träume. Einmal ist es der Traum von einer reinen Gemeinschaft, das andere Mal der Traum von einer disziplinierten Gesellschaft. Es handelt sich um zwei Methoden, Macht über die Menschen auszuüben, ihre Beziehungen zu kontrollieren und ihre gefährlichen Vermischungen zu entflechten. Die verpestete Stadt, die von Hierarchie und Überwachung, von Blick und Schrift ganz durchdrungen ist, die Stadt, die im allgemeinen Funktionieren einer besonderen Macht über alle individuellen Körper erstarrt – diese Stadt ist die Utopie der vollkommen regierten Stadt/Gesellschaft. Die Pest (jedenfalls die zu erwartende) ist die Probe auf die ideale Ausübung der Disziplinierungsmacht. (254f)

Die Frage inwieweit die Disziplinargesellschaft von neuen Gesellschafts- und Machtformationen abgelöst wurde, zumindest als paradigmatische, ist eine Frage die woanders beantwortet werden muss. Besonders die Verbindung von dem was Deleuze die „Kontrollgesellschaften“ (Deleuze 1993) nennt mit aktuellen disziplinargesellschaftlichen Methoden ist nicht nur in Bezug zum Virus und seiner Eindämmung sondern auch in vielen anderen drängenden politischen Fragen sehr relevant.

Zu Foucaults Konzept der Biomacht/Biopolitik im Kontext der Coronakrise gibt es ebenfalls einen Beitrag im Rahmen dieser Serie.

Literatur

Foucault, Michel (1994): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/M: Suhrkamp.

Deleuze, Gilles (1993): „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ In: ders.: Unterhandlungen. 1972 – 1990. Frankfurt/M: Suhrkamp, S. 254 – 262.

Dieser Post ist ein Teil der Blogpostserie: Coronavirus und die Philosophie. Eine Übersicht über alle Teile dieser Serie gibt es hier.

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Diese Serie ist total tolle Idee!! Endlich ein interessanter Material für mein Deutschlernen in Seuchezeit. Danke!