Quicktakes I: Die Normalität vor/in/nach der Pandemie

Dieser Beitrag ist Teil der Coronavirus und die Philosophie Serie. Einen Überblick über die weiteren Teile dieser Blogbeitragsserie gibt es hier.

Lewisham, London — Quelle: reddit

So wie die Zahl der Artikel und Beiträge nahezu minütlich anwächst und immer schwerer überschaubar wird, so steigt selbstverständlich auch zunehmend die Zahl der philosophischen und theoretischen Beiträge und Interventionen die sich mit der Pandemie und dem Diskurs über Covid19 auseinandersetzen. Um dieser wachsenden Zahl an Beiträgen gerecht zu werden, gibt es in dieser Reihe nun ab und zu auch das Format der „Quicktakes“, also kurzer Anmerkungen zu einzelnen Texten, Anmerkungen, die sich nur auf bestimmte Thesen dieser Texte konzentrieren.

In diesen ersten „Quicktakes“ wird es um eine Reihe an verschiedensten Beiträgen gehen, die alle in direkterer oder indirekter Form die Frage der Normalität stellen. Wie oft hört man momentan, dass man es kaum erwarten kann, wenn endlich alles wieder normal sein wird. Doch dieses Ereignis ist erst am Beginn, noch dazu ist dieses Ereignis zu einschneidend und wie bei einigen anderen geschichtsträchtigen Ereignissen wird es eben daher kein Zurück zu ein „wie davor“ geben können, zumindest nicht so schnell. Demirovic nennt diese Pandemie daher auch eine „Denormalisierungskrise“. Doch welche Normalität wurde hier verloren? Eine Gesellschaft voller Ungleichheiten, Ausschlüssen und Widersprüchen. Diese Ungleichheiten verschwinden nicht durch das Virus, sie werden, wie unlängst näher erläutert, genau gegenteilig noch gravierender. Dennoch könnte es auch die Chance für eine Transformation in eine neue Normalität sein, eine bessere vielleicht, vielleicht aber auch eine autoritärere. Dies ist noch lange nicht entschieden, aber der Kampf darum und die Diskussion darüber sind längst entbrannt. Im Folgenden nun einige Beiträge die Lesen Sie mehr »

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Butler: Die Frage der Gleichheit vor dem Virus

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Unter dem kurzen, aber dafür sehr direkten Titel: Capitalism Has its Limits publizierte eine der wichtigsten Denkerinnen der USA ihre ersten Einschätzungen und Analysen über den Coronavirus. Veröffentlicht am 19. März, auf dem Verso Verlagsblog befasste Butler sich schon bevor die Pandemie die USA mit der absehbaren vollen Wucht erreichte, mit den Auswirkungen des Virus nicht nur auf die Menschen sondern auch auf den gerade wütenden (Vor)Wahlkampf. Wer nun erwartet dass auch Butler, wie einige andere Philosophen*innen, die hier am Blog schon ausgiebig besprochen wurden (vor allem natürlich Agamben) manche ihrer großen und bekannten Konzepte und Begriffe heranzieht um sie sogleich um das Mega-Ereignisses Coronavirus umzuhängen und das Virus damit auch auf eine gewisse Art zu vereinnahmen, der irrt. Es geht Butler eben nicht darum zu zeigen, dass genau ihre Theorie dieses Ereignis bereits in seiner Vielfältigkeit begreifen und beschreiben kann, sondern Ziel ist die richtigen, sprich politischen Fragen zu finden, die es genau jetzt in dieser so außergewöhnlichen Krise zu stellen gilt.

Butlers Text ist in erster Linie eine klare und kämpferische politische Analyse, die das Problem Coronavirus aus einer US-amerikanischen Perspektive betrachtet und zwar vor allem aus der Sicht jener, die in den USA am wenigsten geschützt sind, jenen die in ihrer Prekarität den Auswirkungen des Virus aber auch den Maßnahmen gegen den Virus am meisten ausgesetzt sind. Dabei steht für Butler eben natürlich auch die Frage, was das Virus für den momentan herrschenden Wahlkampf in den USA bedeutet, im Fokus, denn genau dort spielte schon vor dem Auftauchen des Virus die Frage nach freier und allgemeiner Krankenversicherung eine große Rolle, eine Frage die gerade in einer Situation wie jetzt in ihrer Dringlichkeit nochmal deutlicher wurde.

Welche philosophischen Konzepte schließlich am besten geeignet scheinen, das Ereignis Covid19 zu beschreiben und zu analysieren, wird sich noch zeigen. Der politische Kampf, und hier liegt Butlers Fokus, um die Deutung dieser Krise aber auch für die Lehren und damit einhergehend die Veränderungen die es in Zukunft braucht, dieser politische Kampf muss nicht nur jetzt schon geführt werden, er ist vielmehr schon längst im Gange.

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Canguilhem: Gesundheit, Krankheit und Norm in Zeiten der Pandemie

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Im Rahmen dieser Reihe wurde schon viel über die Frage von unterschiedlichen (auch progressiven) Biopolitiken geschrieben. Wenn Biopolitik/macht laut Foucault jene Politik ist, die „Leben macht“ stellt sich aber die Frage was Leben und ganz besonders was gesundes Leben überhaupt heißen soll und ob es auf so etwas überhaupt allgemeine Antworten geben kann. In den Auseinandersetzungen mit dem Coronavirus, den Maßnahmen gegen eine schnelle Ausbreitung, den verschiedenen Szenarien der Ansteckung und den zahllosen Statistiken über die extrem unterschiedlichen Krankheitsverläufe, erscheint der Virus als etwas schwer Fassbares.

Es ist unbestritten dass jede*r auf je eigene Weise von dem Virus und dessen (auch zukünftigen) Auswirkungen betroffen ist, manche direkt manche zumindest vorerst nur indirekt, manche mehr manche weniger, manche mehrfach und auf viele unterschiedliche Arten und Weisen und manche (zumindest bisher) hauptsächlich durch die Maßnahmen gegen die Verbreitung. Der Virus wird dabei, abgesehen von zunehmend mehr Regionen in Europa, bisher vor allem als potentielle Krankheit, die bereits ihre Schatten auf uns wirft erfahren. Als medial vermittelte Krankheit, als Krankheit die man, obwohl man sie hat, womöglich gar nicht merkt, als Krankheit die wenn man sie hat vor allem für die Mitmenschen gefährlich ist, als Krankheit, die potentiell jeder andere in sich tragen könnte, kurz als Krankheit die immer mehr als nur einen selbst betrifft. Es ist dabei auch und vor allem die Unberechenbarkeit, sowohl was der Virus individuell für einen bedeutet als auch was er für die Gemeinschaft, die Mitmenschen und die Gesellschaft in Folge bedeutet, die die Angst und Sorge erhöhen. Der Virus wird daher von den meisten von uns grundsätzlich anders wahrgenommen als andere Krankheiten. Doch was ist Krankheit und Gesundheit überhaupt?

Vielleicht können hier die Überlegungen des Philosophen und Arztes Georges Canguilhem helfen, der sich Mitte des 20. Jahrhunderts mit genau diesen Fragen in seinem bahnbrechenden und weit über die Philosophie hinaus einflussreichen Werk Das Normale und das Pathologische (erstmals 1943) beschäftigt hatte. Canguilhem war besonders für Philosophen wie Foucault, Simondon, Derrida, Althusser und Deleuze ein wichtiger Bezugspunkt. Seine Schriften zur Medizintheorie hatten dabei starken Einfluss auf das Verständnis von Medizin, und genau deshalb könnten auch seine Überlegungen zu dem was Gesundheit und Krankheit eigentlich heißen, auch in dieser jetzigen Situation von Interesse. Im Folgen werden daher Lesen Sie mehr »

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Žizek II: Das ‘Begehren’ nach Überwachung und Strafe zu Zeiten des Virus

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Quelle: “The Pervert’s Guide to Ideology” (2012)

Slavoj Žizek hat mittlerweile – wie zu erwarten war – eine ganze Menge an Beiträgen zum Thema der Stunde, oder wohl mittlerweile eher zum Thema des kommenden Jahrzehnts, publiziert. Seinen ersten Beitrag, in dem er sich noch kämpferisch und gerade für seine Verhältnisse überraschend optimistisch zeigte, habe ich im Rahmen dieser Reihe schon kommentiert. Am 16. März 2020 hat Žizek in der Reihe „The Philosophical Salon“ der äußerst empfehlenswerten Online Zeitschrift LA Review of Books einen längeren Beitrag verfasst, der unüblicher Weise auch ganz ohne hollywood-Anspielungen auskommt, und eine Reihe interessanter Punkte einbringt. Schon der Titel ist dabei spannend, einerseits weil er eine Referenz auf den von ihm nicht immer unbedingt verehrten Foucault ist (zu dessen Überwachen und Strafen gibt es ebenfalls hier einen Artikel) und zweitens weil er im Titel schon das momentan allgemein herrschende Begehren nach starker Kontrolle und Disziplinarmacht anspricht: Monitor and Punish? Yes, Please!

Agamben, nicht nur problematisch sondern auch unsinnig

Žizek beginnt seinen Text mit einer relativ langen und ausgedehnten Kritik an Agamben, vor allem dessen ersten Text, der im Rahmen dieser Blogserie ebenfalls schon analysiert und kritisiert wurde. Agambens Idee eines künstlich heraufbeschworenen Ausnahmezustandes, der dazu dienen könnte, die Macht des Staates über die Bewohner*innen auszubauen und zu stärken, wurde vielfach kritisiert, so z.B. auch von Roberto Esposito, der Agamben mahnte, die unterschiedlichen Formen und Praxen des Ausnahmezustands auch unterschiedlich zu beurteilen. Dennoch und dessen ist sich auch Žizek sehr bewusst, wie seine Eingangsfragen und der Titel seines Textes schon zeigen, müssen wir aufmerksam und kritisch bleiben gegenüber den langfristigen Auswirkungen dieses Ausnahmezustandes, den Machttransformationen, die womöglich bleiben könnten (Orban ist hier ein erstes frühes Beispiel) und vor allem auch gegenüber dem momentan immer stärker werdenden Gehorsam und Begehren gegenüber solcher Machtformen Lesen Sie mehr »

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Über die (Un)Möglichkeiten einer demokratischen Biopolitik

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Im Rahmen dieser Serie wurde mittlerweile öfter über die Frage der Biopolitik geschrieben. Was ist Biopolitik/macht bei Foucault? Was sind die biopolitischen Ideen bei Agamben und wie verwendet er dieses Konzept, wenn er über den Coronavirus schreibt? Auch wurde über Roberto Esposito geschrieben und sein Versuch auch in der außergewöhnlichen Zeit des Coronavirus über die Nuancen unterschiedlicher biopolitischer Praktiken zu reflektieren, und nicht einfach die unterschiedlichsten Praktiken mit einem gleichmachenden Terminus zu verwischen. Doch auch nach diesen unterschiedlichsten Zugängen und Anwendungen des Konzepts der Biopolitik, stellt sich dennoch oder gerade deswegen die Frage, welche Politik ist Biopolitik eigentlich?

Biopolitik beschreibt Politik, die „Leben macht und sterben lässt“ wie Foucault es formuliert, also Politik die auf das Leben zielt, nicht auf den individuellen Körper und dessen Gesundheit, sondern auf den kollektiven Körper. Im Blick der Biopolitik sind also Statistiken, Relationen und Gefahrenabschätzungen mehr als einzelne individuelle Krankheitsverläufe. Dabei liegt es natürlich auf der Hand, dass der Umgang mit dem Coronavirus zum neuen Lehrbuchbeispiel von Biopolitik stilisiert wird und dies ganz bestimmt nicht zu unrecht. Denn es ist gerade der Begriff der Biopolitik, der die momentanen Maßnahmen, die so viele Staaten weltweit in unterschiedlicher Intensität einführen, erklären kann. Nur aus einer biopolitischen Perspektive scheinen die politischen Maßnahmen erklärbar, die Virolog*innen und Epidemolog*innen aus einer naturwissenschaftlichen Sicht fordern, nämlich die wochenlange Selbstisolierung des größten Teils der Bevölkerung. Ein Problem jedoch, wenn die Maßnahmen gegen den Coronavirus zum neuen Lehrbuchcase von Biopolitik werden, ist, dass damit verschiedenste andere, weniger große, weniger spektakuläre und weniger medienwirksame Ausformungen von Biopolitik aus dem Blick geraten. Biopolitik ist nicht einfach nur die völlige Ausnahme, die völlige Aussetzung des Normalzustandes, das totale Einschränken des öffentlichen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Biopolitik ist viel öfter genau das Gegenteil, nämlich eine dauernd aktive unterschwellige Politik, die gar nicht zu viel ins Rampenlicht gerückt werden will. Biopolitik ist eben selten eine ganz große laute Politik sondern vielmehr oftmals im kleinen Maße tätig, leise, nahezu unbemerkt. Die Frage für diesen Beitrag ist daher, muss Biopolitik immer eine totalitäre Politik sein, oder gibt es auch so etwas wie eine demokratische Biopolitik? Muss Biopolitik immer Lesen Sie mehr »

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Agamben III: Nach dem Virus sind wir nur noch ’nacktes Leben’ und andere fragwürdige ‘Klarstellungen’

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Über Agambens fragwürdigen und etwas eigenartigen Kommentar zum Coronavirus von Ende Februar wurde hier in dieser Reihe schon einiges geschrieben, so gibt es auch Beiträge über die Antworten und Kritiken von Jean-Luc Nancy und Roberto Esposito. Agambens Kommentar, nicht zuletzt auf Grund seiner verschwörungstheoretisch anmutenden und gefährlichen Relativierungen der Gefahr von Covid-19 und dem problematischen Vergleich mit einer herkömmlichen Grippewelle, wurde an vielen Orten diskutiert und kritisiert. Die kritischen Stimmen und Kommentare scheinen dabei so enorm gewesen zu sein, dass Agamben sich genötigt sah eine Antwort, also einige, wie er es selbst nennt, „Klarstellungen“ zu geben. Agamben hat seine „Clarifications“ von Adam Kotsko ins Englische übersetzen lassen, und dieser hat den Text auf seinem Blog am 17. März 2020 veröffentlicht. (Mittlerweile wurde der Text auch auf Deutsch übersetzt und ist in der NZZ erschienen) Im Folgenden möchte ich nun diese Klarstellungen, die wenn auch weniger explizit dennoch die gleichen problematischen Punkte seines ersten Kommentars wiederholen, in aller Kürze zusammenfassen. Dennoch gilt es zumindest den einen oder anderen Gedanken dieser Klarstellungen ernst zu nehmen und weiter zu reflektieren.

In meiner Kritik des ersten Kommentars von Agamben, habe ich vor allem die Banalisierung und Verwässerung seines so wichtigen theoretischen Konzeptes des Ausnahmezustandes kritisiert. Diese Kritik, auch und besonders unter dem Aspekt den Roberto Esposito in seinem Text eingemahnt hat, nämlich dem Aufruf zur Bewahrung von Verhältnismäßigkeiten in der Beurteilung und dem Vergleich von ereignisgebundenen Veränderungen und langfristigen Tendenzen (auch wenn sich diese manchmal direkt überschneiden), diese Kritik also muss auch nach und trotz der Klarstellungen Agambens formuliert werden. Denn Agamben hat lediglich den direkten Vergleich zur herkömmlichen Grippe aufgegeben, erwähnt diesen auch nicht mehr (Fehler einzugestehen ist selten die Stärke bekannter und gefeierter Philosophen), bedient sich aber trotzdem ständig einer beschwichtigenden und die Ernsthaftigkeit runterspielenden Rhetorik, wenn er über den Coronavirus spricht. Ansonsten wiederholt und bestärkt Agamben im Wesentlichen was er in seinem ersten Kommentar schon ausgeführt hat.

Angst ist ein schlechter Ratgeber, Unwissen aber auch

Agamben beginnt seinen Text mit einer kleinen ‚Nebelgranate‘. Denn anstatt Fehleinschätzungen seines ersten Textes zu thematisieren, will er gleich zu Beginn von der wissenschaftlichen Einschätzung von Covid-19 weg und hin zu den ethisch-politischen Fragen, dem Feld seiner Expertise. Agamben geht es also anders als in seinem früheren Kommentar jetzt nicht mehr darum, die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zu beurteilen, sondern Lesen Sie mehr »

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Esposito: Von der ‚Politisierung der Medizin‘ und dem Zusammenbruch des Systems

Dies ist der fünfte Teil der Coronavirus und die Philosophie Serie. Einen Überblick über die weiteren Teile dieser Blogbeitragsserie gibt es hier.

Wie im vorigen Beitrag ausgeführt, hatte Jean-Luc Nancy direkt einen Tag nach Agambens fragwürdigen Kommentar zum Coronavirus mit einer „freundschaftlichen Kritik“ auf Agamben geantwortet. Wie dargestellt, zeigte sich gerade in dieser durchaus berechtigten Kritik an Agamben jedoch auch Nancys Problem Politik und politische Prozesse in ihrer Komplexität zu betrachten. So konterte Nancy vor allem mit einem schwammig allgemeinen Globalisierungsbegriff und einer bis zur Unbrauchbarkeit ausgedehnten Kritik an der „technischen Vernetzung“. Bereits einen Tag später antwortete daher der italienische Philosoph Roberto Esposito auf Nancy in einem äußerst spannenden und fruchtbaren Text, den ich nun im Folgenden zusammenfassen und kommentieren werde.

Am 28.Februar 2020 publizierte Roberto Esposito diese doppelte Replik unter dem Titel „Cured to the Bitter End“ in Autonomia, derselben Zeitung in der auch Nancy am Tag davor publizierte (Espositos Text im italienischen Original kann hier gelesen werden / die englische Übersetzung findet sich, wie schon bei den Texten davor, im European Journal of Psychoanalysis). Im Gegensatz zu den Kommentaren von Agamben und Nancy ist Espositos Text weniger wie ein Zeitungskommentar und mehr wie ein kurzer dafür aber äußerst dichter philosophischer Essay, wenn auch ein fragmentarischer, geschrieben, es lohnt sich durchaus den Text in seiner Gänze zu lesen, ich werde jedoch im Folgenden Lesen Sie mehr »

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Foucault II: Der Virus und die Biopolitik/-macht

Dieser Beitrag ist ein Teil der Coronavirus und die Philosophie Serie. Einen Überblick über die weiteren Teile dieser Blogbeitragsserie gibt es hier.

In dem ersten Beitrag dieser Serie habe ich ein paar Ausschnitte aus Foucaults Werk Überwachen und Strafen zitiert, die in der momentan alles beherrschenden Diskussion über den Coronavirus von Interesse sein könnten. Dabei ging es um die Geburt der Disziplinargesellschaft in der Pestseuche des 17. Jahrhunderts. In diesem Beitrag möchte ich einen weiteren Begriff von Foucault, der nicht erst jetzt von höchster Aktualität und vor allem Relevanz zu sein scheint, in aller Kürze darstellen. In seiner Vorlesungsreihe In Verteidigung der Gesellschaft am Collège de France in 1975/76 entwickelte er einen Begriff weiter, der in ähnlicher Form schon in Willen zum Wissen auftauchte, aber besonders in der Vorlesungseinheit vom 17.März 1976 konzipiert und ausformuliert wurde, nämlich Bio-Macht.

Die ‘Verstaatlichung des Biologischen’

Die zentrale These dieser Vorlesung ist, dass die Bio-Macht jene Machttransformation beschreibt, die im Übergang von der Souveränitätsmacht zur „Macht über das Leben“ stattfand. Der Souverän hatte noch die Macht Leute hinzurichte, also entweder „sterben zu machen oder leben zu lassen“ wie Foucault es nennt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich jedoch eine Macht, die nahezu eine „umgekehrte“ Macht zu sein scheint, nämlich jene Macht „leben zu ‚machen‘ und sterben zu ‚lassen‘“ (284). Ins Zentrum der Macht rückt damit nicht der Tod sondern eben das Leben, die Kontrolle des Lebens, die „Verstaatlichung des Biologischen“ (282). Nicht mehr der einzelne Körper steht hier im Fokus, sondern die Bevölkerung Lesen Sie mehr »

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Žizek I: Der Coronavirus – ein hollywoodreifer Todesschlag gegen den Kapitalismus?

Dieser Post ist ein Teil der Coronavirus und die Philosophie Serie. Einen Überblick über die weiteren Teile dieser Blogbeitragsserie gibt es hier.

Wenn es um aktuelle News-Ereignisse und Philosophie geht, dann darf natürlich einer nicht fehlen, und dass ist Slavoj Žizek. Žizek ist immer schnell zur Stelle über alle möglichen Ereignisse längere Interviews zu geben und natürlich auch Texte zu verfassen. Die weltweite Pandemie von Covid-19 ist hier natürlich alles andere als eine Ausnahme. Mittlerweile hat Žizek schon mindestens zwei Texte zum Coronavirus verfasst, in diesem Beitrag werde ich mich zunächst mit seiner ersten also frühesten Reaktion auseinandersetzen. Den aktuelleren Text werde ich in einem späteren Teil der Blogpostserie zusammenfassen und kommentieren.

Am 27.Februar 2020, also am selben Tag an dem Jean-Luc Nancy auf den am Tag davor erschienen Kommentar von Giorgio Agamben zu Corona reagierte, publizierte Slavoj Žizek seinen ersten Text über den Coronavirus auf einer seiner oft für Publikationen verwendeten Plattform RT.  Der Titel des Texts referenziert, wie für Žizek üblich auf Hollywood: Coronavirus is ‘Kill Bill’-esque blow to capitalism and could lead to reinvention of communism.

Reinvention of communism’ statt ‘Obszönität des Kapitalismus’?

In diesem kurzen Text betont Žizek ganz anders als Agamben und einige andere, vor allem die Chance die eine Krise dieses Ausmaßes mit sich bringt, im Kampf gegen das aktuelle kapitalistische System. Ungewohnt optimistisch könnte in Žizeks Augen der Coronavirus die Möglichkeit eröffnen, den alltäglichen Wahnsinn des globalen Kapitalismus für mehr Menschen sichtbar und begreifbar zu machen und damit auch ermöglichen Lesen Sie mehr »

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Nancy vs Agamben: Die ‚virale Ausnahme‘

Dies ist der vierte Teil der Coronavirus und die Philosophie Serie. Einen Überblick über die weiteren Teile dieser Blogbeitragsserie gibt es hier.

Bild aus 1918, während der Zeit der spanischen Grippe — Verwedet im Originalartikel von Nancy

Den mit jedem Tag problematischer und befremdlicher wirkenden Kommentar, den Giorgio Agamben am 26.Februar für eine italienische Zeitung verfasste und in dem er Covid-19 runterspielt und gleichzeitig versucht seine theoretisch so wichtigen Begriffe, besonders den Ausnahmezustand, in einer unklaren und fragwürdigen Art als Kritik an verschiedenen Maßnahmen der italienischen Regierung zu verwenden, habe ich im vorigen Teil dieser Blogpostserie dargestellt. Dabei hat Agambens Kommentar durchaus Reaktionen provoziert. Hier soll nun in aller Kürze die Reaktion des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy zusammengefasst und kommentiert werden. Nancy, den eine enge Freundschaft mit Agamben verbindet, hatte gleich am nächsten Tag auf Agambens Bemerkungen reagiert und ihn dabei stark kritisiert. Dabei ist die Kritik nicht einfach nur eine andere Einschätzung wie auf den Coronavirus reagieren zu sei, sondern offenbart, wenn auch nicht explizit ausgesprochen, durchaus auch philosophische Differenzen der beiden Autoren.

Jean-Luc Nancy schrieb also am 27. Februar 2020 eine Antwort an Agamben, publiziert in der italienischen Zeitung Antinomi (hier kann der Kommentar auf Italienisch und im französischen Original nachgelesen werden / die englische Version des Kommentars findet sich ebenfalls im European Journal for Psychoanalysis ). Der Text trägt den durchaus interessanten Titel Viral Exception, ein Titel der bereits auf einen zentralen Kritikpunkt Nancys verweist, Lesen Sie mehr »

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