Agamben IV: Wessen Freiheit auf wessen Kosten?

Dieser Beitrag ist Teil der Coronavirus und die Philosophie Serie. Einen Überblick über die weiteren Teile dieser Blogbeitragsserie gibt es hier.

Es ist wieder mal so weit. Abermals scheint es notwendig über Giorgio Agambens Texte zum Coronavirus zu schreiben. Agamben kann es nicht lassen weiter zu provozieren und wird mit seinen Thesen zu Covid19 immer aggressiver, angriffiger und noch problematischer (man hätte es fast nicht für möglich gehalten

Agambens erste Texte zu Covid 19 (hier eine Analyse und Kritik des ersten Textes und hier die Analyse und Kritik des zweiten Textes von Agamben) haben international wohl die größte Aufmerksamkeit aller philosophischen Beiträge zum Virus bisher bekommen. Zum größten Teil waren dabei die Antworten und Reaktionen auf Agamben, Ablehnung und tiefgreifende Kritik. Agambens Bemerkungen waren vor allem geprägt von verschwörungstheoretischen Überlegungen zur Dramatik des Virus (so behauptete er, das Virus sei gleichzusetzen mit herkömmlichen Grippeviren), genauso wie seine Kritik an den laut ihm maßlos überzogenen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus, also der „lockdown“ und „social distancing“. Agamben bezeichnete die Maßnahmen des Staates als endgültige Implementierung dessen was er den Ausnahmezustand nennt, und sah in den Ausgangsbeschränkungen vor allem eine Einschränkung der persönlichen Freiheit und ein damit ein Regime des reinen biologischen Lebens (mehr dazu hier).

Agamben wurde von den verschiedensten Seiten stark kritisiert, sogar von befreundeten Kollegen wie Jean-Luc Nancy oder auch Roberto Esposito. All diese Kritiken und Widerlegungen dürften ihn aber vor allem motiviert haben nicht nur nicht locker zu lassen sondern immer mehr und immer wieder über Covid19 zu schreiben. Fast wie ein ‚Internettroll‘ scheint ihn der Widerspruch und die Kritik zu bestärken und anzufeuern weiterhin die Gefahr zu relativieren und damit zum Hauptbezugspunkt einer immer größer und vor allem lauter werdenden Gruppe an ‚Covid19-Verhamlosern‘ zu werden, die durch den Bezug auf seine Texte hoffen, ihren Wirtschaftsliberalismus mit moralischen Begriffen intellektuell kaschieren zu können.

Man könnte ja auch meinen, dass die Entwicklungen, gerade in Italien, Agamben zu denken gegeben hätten, aber all die dramatischen Zahlen haben Agamben nicht nur nicht dazu gebracht seine Meinung zu ändern, sondern scheinen ihn noch mehr bestärkt zu haben. Nahezu jede Woche erschien seither ein neuer Text von ihm, im Wesentlichen mit denselben Punkten, die auch schon in den ersten Texten vorgebracht wurden: Das Virus sei nicht so schlimm, dass es diese dramatischen Freiheitseinschränkungen rechtfertige und die Pandemie wird vor allem dafür genutzt, endgültig eine Biopolitik des nackten, also nur noch biologisch verstandenen, Lebens zu implementieren.

Diese Woche hat Agamben in seinem neuesten Kommentar nun sogar den „Zusammenbruch der liberalen Demokratie“ beklagt, und schreckt auch nicht davor zurück, die Maßnahmen gegen die Virusverbreitung mit den Taten des Naziregimes und jene die diese Maßnahmen befürworten oder für notwendig halten, mit Adolf Eichmann zu vergleichen. Damit stellt der aktuelle Text wohl einen der intellektuellen Tiefpunkte des bisherigen philosophischen Diskurses über das Coronavirus dar.

Wem die genauere Kritik einzelner Aspekte des Textes zu lange ist, kann hier gleich zur Konklusion springen.

Fragwürdige Fragen

Agambens neuester Text erschien in der deutschen Fassung in der NZZ am 15. April 2020 und trägt den Titel „Ich hätte da noch eine Frage“ (der Artikel kann hier gelesen werden). Was ist nun also die Frage, die Agamben beschäftigt?

Ich möchte mit denjenigen, die Lust dazu haben, eine Frage teilen, über die ich seit einem Monat unablässig nachdenke. Wie konnte es geschehen, dass ein ganzes Land im Angesicht einer Krankheit ethisch und politisch zusammenbrach, ohne dass man dies bemerkte?

Agamben fragt sich also, und das bekanntlich nicht erst seit diesem Text, inwiefern es möglich ist, dass ein ganzes Land, beziehungsweise mittlerweile wohl eher die meisten Länder der Welt, dem Virus so viel Macht zusprechen, dass sie massive Maßnahmen ergreifen und damit Einschränkungen über die Einwohner*innen verhängen? Bereits in dieser Eröffnungsfrage stecken einige fragwürdige Vorannahmen. Bricht ein Staat politisch zusammen wenn er massiver Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen verordnet, oder passiert dadurch nicht genau das Gegenteil, nämlich die zumindest vorübergehende Rückkehr des ‚starken Staates‘, der trotz Proteste der Wirtschaft, alle Geschäfte schließen lässt?

Zweitens: Seit mehr als einem Monat dominiert das Virus unsere Diskurse, alles wird dabei diskutiert, viele lesen Berichte von Epidemolog*innen, hören Podcasts von Virolog*innen und beschäftigen sich nahezu täglich mit Statistiken. Die meisten diskutieren aber eben auch über die Maßnahmen der Staaten, diskutieren welche gerechtfertigt scheinen und welche Maßnahmen zu weit gehen. Ob Agambens These also, dass niemand bemerkte, was passiert sei, zutrifft, muss im Weiteren noch hinterfragt werden. Kritik an Maßnahmen und Politiker*innen (öfters noch an jenen, die zu spät oder gar keine Maßnahmen ergriffen haben), gibt es jedenfalls zu Recht viel, Agamben beschäftigt sich allerdings mit keiner von diesen Kritiken, sondern beharrt lieber auf der These, er sei der einzige der merke was wirklich vor sich gehe.

Drittens ist der Staat, von dem Agamben hier spricht, nicht mit einer „Krankheit“ konfrontiert, sondern mit einer Pandemie und diese ist wesentlich komplexer als es eine Krankheit wäre, weil es um die Frage von Ansteckungen und deren unterschiedliche Konsequenzen für unterschiedliche Menschen geht, weil es um die Frage von Überlastungen im medizinischen Bereich geht und um die sozio-politischen, kulturellen, psychologischen und ökonomischen Folgen dieser Pandemie geht. Das Virus und seine Ausbreitung schlicht nur als Krankheit zu bezeichnen verharmlost einerseits die Situation, wieder einmal, und verfehlt gleichzeitig auch die tatsächliche Problematik der Situation.

Agamben selbst ist jedoch der Meinung, die Worte seiner so wichtigen Frage, sehr sorgfältig gewählt zu haben:

Die Worte, die ich gebrauche, um diese Frage zu formulieren, habe ich sorgsam gewählt. Das Mass für die Absage an die eigenen ethischen und politischen Prinzipien ist in der Tat sehr einfach zu finden. Es geht darum, sich zu fragen: Wo ist die Grenze, jenseits deren man nicht bereit ist, auf diese grundlegenden Prinzipien zu verzichten?

Der Maßstab also für den vermeintlichen Zusammenbruch sei, so Agamben, ab welchem Punkt, welcher Grenze „man“ bereit ist auf „grundlegende Prinzipien“ zu verzichten. Welche Prinzipien er genau meint führt er nicht weiter aus, man kann sich aber anhand der früheren Texte denken, dass es ihm vor allem um individuelle Freiheiten geht, die eben durch Ausgangsbeschränkungen und das Schließen von kulturellen und sozialen Veranstaltungen eingeschränkt werden. Man könnte aber auch von anderen Prinzipien reden, wie zum Beispiel Gesundheit, Unversehrtheit usw. Diese Prinzipien wiegen aber für Agamben, so war es auch in seinen früheren Texten schon zu lesen, weniger als das Prinzip der Freiheit. Im ersten Text zu Covid19 beschwerte Agamben sich vor allem über das Schließen von kulturellen Veranstaltungen und Cafés, und stellte damit eine damals wie heute sehr privilegierte Haltung zur Schau, die sich nur vordergründig als ethisch kaschiert. Denn es geht Agamben ja nicht um die Freiheiten derer, die dann in diesen Orten arbeiten müssen und dadurch ein erhöhtes Ansteckungsrisiko haben. Es geht ihm auch nicht um all jene mit chronischen Erkrankungen, die sich isolieren müssen und durch lockere Maßnahmen selbst noch gefährdeter sind. Es geht Agamben aber auch nicht um jene, die wirklich eingeschlossen sind in Schubhaftzentren, Gefängnissen, Flüchtlingslagern innerhalb der EU und an deren Grenzen, jene also die ebenfalls in der Einschließung höheres Ansteckungsrisiko haben. Es geht Agamben, wie so vielen anderen, die gerade über die individuellen Freiheitseinschränkungen klagen, um die Einschränkung ihrer eigenen Freiheit, nicht um die der anderen.

Ich denke, der Leser, der sich anschickt, über die folgenden Punkte nachzudenken, kann nicht anders, als zuzustimmen, dass die Schwelle, welche die Menschlichkeit von der Barbarei trennt, überschritten wurde. Und zwar, ohne dass man dies bemerkt hätte oder indem man so tat, als würde man es nicht bemerken.

Die Einschränkung individueller Freiheitsrechte ist also die Grenze, so Agamben, zwischen der Menschlichkeit und der Barbarei. Die Grenze zur Barbarei wurde aber schon lange überschritten, nicht jedoch durch die Ausgangsbeschränkungen. Es ist vielmehr das „Nicht-Bemerken“, das Wegschauen, wenn Refugeeboote am Mittelmeer in Seenot geraten, es ist das aktive Nicht-Helfen, das Ertrinken-Lassen, das anzuklagen ist. Es ist das Einsperren in völlig überfüllte Flüchtlingslager ohne hygienische und medizinische Grundversorgung, mit dem Wissen, dass das Virus sich hier ungebremst verbreiten kann, dass einen Mangel an „Menschlichkeit“ zeigt. Es ist das Ignorieren der Obdachlosen, während alle Hotels leer sind. Es sind aber auch die klassistischen und rassistischen Strukturen, die die Wahrscheinlichkeiten, dass bestimmte Menschen in massiv höherer Gefahr sind sich zu infizieren und in höherer Gefahr sind zu sterben, wenn sie infiziert werden, als andere und es ist die Forderung, genau jene gefährdeteren Menschen weiter in ihre schlecht bezahlten Arbeitsplätze mit unzureichenden Schutzmaßnahmen zu drängen, um ökonomische Verluste etwas zu reduzieren. All dies zeigt die Barbarei eines Kapitalismus und einer rassistischen Politik. Nicht aber das Zusperren der Theater.

Die Einsamkeit und das Risiko

Agamben aber, geht es vor allem um die Einschränkung des Sozialen, des gemeinsamen Lebens und Berührens. Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus sind ja, social distancing führt dies bereits im Namen, vor allem rund um das Verhindern des Zusammentreffens von Körpern organisiert. Die Einschränkung sozialer Kontakte vermindert auch die Verbreitung des Virus, vermindert Möglichkeiten der Ansteckung, womit die Zahlen der Infizierten geringer gehalten werden und eine Überforderung der Krankenhäuser verhindert wird. Doch, und hier kann man Agamben schon recht geben, die staatliche Verordnung zur Verringerung sozialer Kontakte hat dramatische Konsequenzen für Einzelne, und stellt einen massiven Einschnitt in das Leben der Menschen dar. Agamben betont dabei vor allem drei Punkte. Der erste betrifft das einsame Sterben der Menschen:

1) Wie konnten wir nur im Namen eines Risikos, das wir nicht näher zu bestimmen vermochten, hinnehmen, dass die uns lieben Menschen und überhaupt alle Menschen in den meisten Fällen nicht nur einsam sterben mussten, sondern dass ihre Leichen verbrannt wurden, ohne bestattet zu werden? Dies ist in der Geschichte von der mythischen griechischen Königstochter Antigone bis heute nie geschehen.

Jede und Jeder, der oder die in den letzten Wochen Bekannte oder Angehörige verloren hat (sei es durch Covid19 oder häufiger aus anderen Gründen) weiß um die Schwierigkeit momentan, dass es keine gemeinsamen Trauerfeierlichkeiten geben kann, das gemeinsame Trauern, das oftmals extrem wichtig ist, damit umso schwieriger ist. Der zweite Punkt den Agamben betont, betrifft die soziale Einsamkeit:

2.) Wir haben bedenkenlos hingenommen, wiederum nur im Namen eines nicht näher zu bestimmenden Risikos, dass unsere Bewegungsfreiheit in einem Ausmass eingeschränkt wurde, wie dies zuvor nie in unserem Land geschah, nicht einmal während der beiden Weltkriege (die Ausgangssperre galt damals für bestimmte Stunden). Wir haben also hingenommen, im Namen eines nicht näher zu bestimmenden Risikos die Pflege unserer Freundschafts- und Liebesbeziehungen einzustellen, weil unser Nächster zu einer möglichen Ansteckungsquelle wurde.

Ich habe an anderen Stellen schon öfters über das Phänomen geschrieben, im Anderen zunächst und zunehmend eine Quelle der Ansteckung zu sehen und inwiefern dies soziales Leben auch nachhaltig beeinflussen und einschränken wird. Niemand leugnet die Dramatik der Situation und die Folgen daraus, jedoch geht es nicht um ein nicht näher zu bestimmendes Risiko. In anderen Ländern, die ganz im Sinne Agambens, die Einschränkungen später oder gar nicht eingeführt haben, kann man die Dramatik der Ausbreitung des Virus sehen, auch dort kommt es dann zu massiven Einschränkungen. Quer durch diesen, aber auch seine früheren Texte, scheint es Agamben vor allem und immer wieder um ein Runterspielen der Gefahr zu gehen, um ein Minimieren und Verharmlosen, denn nur so kann er weiter seine Thesen über den Ausnahmezustand predigen, ohne sich zu sehr mit Fakten, Statistiken oder einfach nur den sichtbaren Entwicklungen in verschiedenen Ländern beschäftigen zu müssen.

Der dritte Punkt, den Agamben betont, betrifft die Aufspaltung in ein biologisches/medizinisches und ein geistig kulturelles Leben:

3.) Dies konnte geschehen – und hier berühren wir die Wurzel des Phänomens –, weil wir die Einheit unserer Lebenserfahrung, die immer zugleich körperlich und geistig ist, in eine bloss biologische Einheit einerseits und in ein affektives und kulturelles Leben anderseits aufgespalten haben.

Nur diese Spaltung, so Agamben, macht es möglich im Namen des Biologischen, im Namen der Gesundheit, das geistige und kulturelle Leben komplett einzuschränken. Doch diese Analyse ist abermals verkürzt. Dass viel soziales Leben, Freundschaften, familiäre Beziehungen und sonstige soziale Kontakte so gut wie möglich durch digitale Mittel aufrechtgehalten werden, dass verschiedenste Leute versuchen auch geistiges und kulturelles über die neuen Medien zu vermitteln, das will Agamben nicht sehen, denn dies ist für ihn, hier mag es einen Generationenkonflikt geben, zu wenig real. Für viele Menschen jedoch ist der Kontakt über Videochats und die täglichen Telefonate mit Freunden und Familie sehr real und essentiell wichtig. Nicht weil die medial vermittelten Kontakte alles substituieren und ausgleichen können, sondern weil sie ein Mindestmaß an Kontakt ermöglichen, sind sie so wichtig. Dies nicht sehen zu wollen oder sogar abzuwerten, zeugt ebenfalls von einer gewissen Ignoranz.

Der Glaube im Ausnahmezustand

Im Weiteren zeigt sich Agamben vor allem auch von Kirche (katholischer) und Papst enttäuscht, denn, so Agamben, auch die Kirche übe kaum Kritik gegen die Maßnahmen und führe auch keinen Widerstand dagegen an. Agamben mahnt daher von der Kirche mehr Engagement ein:

Da ich an die Verantwortung von uns allen erinnert habe, komme ich hier nicht umhin, die noch schlimmere Verantwortung derjenigen zu erwähnen, die die Aufgabe gehabt hätten, über die Würde des Menschen zu wachen. Vor allem die Kirche, die – indem sie sich zur Magd der Wissenschaft gemacht hat, welche mittlerweile zur neuen Religion unserer Zeit geworden ist – ihre wesentlichen Prinzipien radikal verleugnet.

Als jemand, der so massiven Hass auf Wissenschaft zeigt, wie Agamben es in diesen aktuellen Texten tut, mag die Kirche und ihre reiche Tradition an Leugnung und Kampf gegen wissenschaftliche Erkenntnisse und überhaupt gegen jegliche Art von Veränderung, natürlich als Verbündeter erscheinen. Doch, so Agamben, auch sie sei nun dem Paradigma des social distancing erlegen, wie er im Folgenden besonders betont:

Die Kirche unter einem Papst, der sich Franziskus nennt, hat vergessen, dass Franziskus die Leprakranken umarmte. Sie hat vergessen, dass eines der Werke der Barmherzigkeit darin besteht, die Kranken zu besuchen. Sie hat vergessen, dass die Martyrien die Bereitschaft lehren, eher das Leben als den Glauben zu opfern, und dass auf den eigenen Nächsten zu verzichten bedeutet, auf den Glauben zu verzichten.

Abgesehen davon, dass Lepra eine völlig andere Form von Krankheit ist, die sich unter anderem auch durch eine massiv geringere Ansteckungswahrscheinlichkeit im direkten Kontakt auszeichnet, weshalb der Kontakt mit an Lepra-Erkrankten weniger gefährlich ist, als die Behandlung mit Covid19 Erkrankten, muss an diesem pathetischen Gerede von Agamben noch viel mehr seine Romantisierung des Märtyrertums kritisiert werden. Würde es nicht um die katholische Kirche gehen, sondern um andere Religionen, wäre ein Aufruf sein Leben für den Glauben zu geben, wahrscheinlich vor allem in der NZZ aber auch in anderen Zeitungen und Kommentaren, jenen vor allem, die jetzt Agamben so feiern, wesentlich kritischer gesehen worden. Doch vor allem lässt Agamben auch hier wieder einen zentralen Punkt aus. Der Grund warum es nicht förderlich ist, Priester von Erkranktem zu Erkranktem zu schicken, ist vor allem, dass nicht der Priester selbst sein Leben riskiert, sondern er als Ansteckungsherd seine Klient*innen in Gefahr bringt. Der Priester würde also nicht nur sein eigenes Leben für den Glauben opfern, sondern vor allem das Leben anderer.

Das Ärztin*innen und Pfleger*innen trotz der Gefahr für ihr Leben, das ihrer Familie und anderer täglich im Einsatz sind, und es vor allem Angestellte im Gesundheits- und Pflegebereich sind, die momentan unter enormen Einsatz alles tun, um den Erkrankten zu helfen, nicht nur medizinisch sondern auch sozial und psychisch, das erwähnt Agamben nicht. Genauso wenig wie er andere „systemrelevante“ Berufe und deren Einsatz erwähnt. Systemrelevant erscheint ihm vor allem und hauptsächlich die Kirche zu sein.

Durch Covid19 im faschistoiden Ausnahmezustand?

Doch mehr Kritik noch als an der Kirche richtet Agamben an die Politik. Ihre schnellen Gesetze und Notverordnungen seien langfristige Einschränkungen, die auch nach dem Verschwinden des Virus nicht einfach rückgängig gemacht werden. Auch hier könnte man Agambens Kritik unterstreichen und unterstützten. Notverordnungen sind öfters unklar oder problematisch formuliert und widersprechen der Verfassung und viele Politiker*innen nützen tatsächlich die momentane Krise aus um Macht zu akkumulieren und sich selbst zu inszenieren. Gesetzesänderungen, die dann nicht einfach verschwinden, Verfassungsänderungen, die demokratische Rechte einschneiden und Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen, die auch in einer Krise wie jetzt völlig überschießend sind und oftmals gar nicht effektiv gegen das Virus helfen sondern bloß Macht und Daten akkumulieren. All dies könnte man kritisieren, und sollte man auch kritisieren und bekämpfen. Orbans Griff nach absoluter Macht ist hier nur ein Beispiel. All dies könnte man gezielt und direkt kritisieren, Agamben schreibt aber lieber:

Doch in diesem Fall wurde jede Grenze überschritten, und man hat den Eindruck, dass die Worte des Ministerpräsidenten und des Chefs des Zivilschutzes unmittelbare Gesetzkraft haben, wie man dies einst von den Worten des Führers sagte. Und man sieht nicht, wie entgegen allen Ankündigungen die Einschränkungen der Freiheit – nach Ablauf der zeitlichen Gültigkeit der Notstandsverordnungen – aufrechterhalten werden können.

Die Politiker*innen und die aktuellen Gesetze in Europa also mit dem Naziregime und deren grausamen Genozid-anleitenden Gesetzen zu vergleichen, ist mehr als nur ein problematischer Vergleich, sondern vielmehr eine Geschmacklosigkeit, die ernsthafte und ernstgemeinte gezielte Kritik erschwert. Doch Agambens Vergleiche zum Naziregime hören hier noch nicht auf. Jeder und jede, so Agamben, die nun diese Gesetze (und Agamben redet hier von social distancing, sonst nichts) verteidigt oder befürwortet, der oder die argumentiere, wie einst Adolf Eichmann. Agamben:

Ich weiss, dass es immer Leute geben wird, die sich erheben und antworten werden: Das durchaus schwere Opfer sei im Namen moralischer Prinzipien dargebracht worden. Sie möchte ich daran erinnern, dass Adolf Eichmann – offensichtlich in gutem Glauben («buona fede») – nicht zu wiederholen aufhörte, dass er, was er getan hatte, aufgrund seines Gewissens getan habe, um dem zu genügen, was er für die Gebote der kantischen Moral hielt. Eine Norm, die besagt, dass man auf das Gute verzichten müsse, um das Gute zu retten, ist ebenso falsch wie die, welche verlangt, dass man auf die Freiheit verzichten müsse, um die Freiheit zu retten.

Agambens pseudo-kämpferische Schlussmoral, vom Verzicht auf das Gute um das Gute zu retten beziehungsweise dem Einschränken der Freiheit um die Freiheit zu retten, trifft leider überhaupt nicht die Problematik der aktuellen Situation. Wir haben es mit keiner Wahl zu tun, die ein Gutes retten möchte, sondern wir haben es mit unterschiedlich schlechten Wahlmöglichkeiten zu tun. Niemand rettet etwas Gutes, man versucht lediglich noch schlimmeres zu verhindern.

Doch vor allem lässt er die eigentliche politische Frage dieses Moral-Dilemmas weg: Wessen Freiheit, wessen Gutes und wessen Gesundheit? Es geht nicht um die abstrakte eingeschränkte Freiheit, sondern um unterschiedlich stark eingeschränkte Freiheiten unterschiedlicher Leute, die unterschiedliche Freiheiten und unterschiedliche Leben retten.

Agambens entpolitisierte Fragerunde

Agamben wollte mit diesem neuesten Text vor allem die Frage nach dem unbemerkten sozialen und politischen Zusammenbruch der liberalen Demokratie stellen, doch er möchte diese Frage moralisch stellen. Agamben plädiert für eine abstrakte uneingeschränkte individuelle Freiheit, die eben auch im Namen der Gesundheit und des biologischen Lebens nicht geopfert werden dürfe. Im Namen des Virus, so Agamben, dürfe nicht das gesamte soziale und geistige Leben eingeschränkt werden, dies wäre totalitär. Agamben sieht also einen moralischen Imperativ in der Freiheit das Haus zu verlassen und andere treffen zu können.

Doch genau aufgrund der Fixierung auf einen moralischen Imperativ verfehlt seine Frage die eigentliche Problematik der jetzigen Situation. Ethische und politische Dilemma und Krisen wie die jetzige, haben keine absolut richtigen Antworten. Die Situation ist komplex, auch wenn Agamben dies nicht zugeben möchte, und wir sind mit zahllosen Ungewissheiten konfrontiert. In solch einer Situation ist eben genau eine ethische und politische Diskussion notwendig, und damit auch politische Kritik. Genau diese Kritik liefert Agamben aber nicht, weil er sich der politischen Frage entzieht und sich auf eine reine moralische Gewissheit beruft.

Agambens Texte zu Covid19 heben sich vor allem dadurch von allen anderen auch philosophischen Texten zu diesem Thema ab, dass sie jegliche Referenz auf medizinische, naturwissenschaftliche, oder sonstige wissenschaftliche Bemerkungen und Erkenntnisse vermissen lassen. Da er das eine mal wo er eine Studie zitierte, sofort darauf hingewiesen wurde, diese falsch gelesen zu haben (es ging um seine Behauptung Covid19 sei wie eine herkömmliche Grippe), vermeidet Agamben nun mittlerweile völlig jegliche Verweise auf andere Meinungen, ja er feiert sich noch selbst eben nicht an die „Wissenschaft als neue Religion“ zu glauben, Argumente wie man sie nur allzu gut aus rechten verschwörungstheoretischen Kreisen kennt.

Da müsste sich Agamben doch ganz besonders bei jenen bestätigt fühlen, die eben genau nicht die Freiheit für die „Gesundheit“ opfern wollen, also den Trumps und Bolsonaros dieser Welt. Dass diese jedoch vor allem ihre Freiheit und die der Wirtschaft nicht opfern wollen, schon aber die Gesundheit der anderen, schwächeren und schlechter verdienenden, darüber schreibt Agamben nichts.

Es bleibt eine entpolitisierte Frage die Agamben stellt, die dabei jedoch politisch wirkmächtig ist. Den Untergang der liberalen Demokratie zu behaupten, diejenigen, die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus ergreifen mit Eichmann zu vergleichen und dabei eine abstrakte allgemein Freiheit anzurufen, all dies stellt nicht nur nicht die wichtigen politischen Fragen, sondern vernebelt die politische Situation, verunmöglicht eine ernsthafte und wichtige Kritik an der Politik wie an den Maßnahmen.

Die Frage nach Verhältnismäßigkeiten der Maßnahmen, nach der Implementierung von Überwachungs- und Kontrollmechanismen, die höchst problematisch sind, die Frage nach den Machtergreifungen bestimmter Politiker*innen, die Frage wer von den Milliardenausschüttungen des Staates Profitiert und wem nicht geholfen wird, die Frage welche politischen Themen durch die Krise in den Hintergrund gedrängt werden, die Frage wessen Gesundheit gegen wessen Freiheit aufgewogen wird, all dies sind wichtige Fragen, Agamben stellt sie jedoch nicht. Zu sehr gefällt er sich in der Rolle des advocatus diaboli, der die vermeintlich „unangenehmen“ Fragen stellt, der gegen den Mainstream argumentiert. Dass er damit jedoch genau die Herrschaftslogik eines neoliberalen Kapitalismus bedient und die Diskussion von denen, die nicht für ihre Freiheit in gut-bezahlten NZZ Kolumnen werben können, ablenkt, all dies bemerkt er nicht, oder möchte er nicht bemerkten.

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