Agamben: Der homo sacer im Ausnahmezustand des Coronavirus

In dieser Serie an Blogbeiträgen sollen verschiedenste philosophische Reaktionen auf den Coronavirus gesammelt werden. Doch auch einige wichtige philosophische Konzepte sollen in aller Kürze dargestellt werden, Konzepte die in der Einordnung der Ereignisse einer weltweiten Pandemie helfen können. Einen Überblick über die anderen Teile der Serie gibt es hier.

Oftmals fallen diese beiden Teile (Konzepte und Kommentare) auch zusammen, so z.B. im Fall des Philosophen dem sich diese Serie nach Foucault als nächstes annehmen wird, Giorgio Agamben. In seinen vielzitierten Arbeiten kreierte Agamben eine ganze Reihe an Begriffen, die einem in den Reaktionen und dem Umgang mit einer Pandemie in den Sinn kommen. Ausnahmezustand, nacktes Leben und Lager, sind nur einige davon. Im ersten Teil der Agamben-Beiträge sollen einige der Begriffe in aller Kürze dargestellt werden, dabei wird vor allem auf sein bekanntestes Werk, Homo Sacer aus 1995, eingegangen. Im nächsten Teil, der hier zu finden ist, geht es dann um Agambens direkte Reaktion auf den Coronavirus, die etwas befremdlich erscheint und eine kurze Debatte mit Jean Luc Nancy auslöste, die ebenfalls kurz dargestellt werden wird.

Homo Sacer

Giorgio Agamben ist einer der meist zitierten zeitgenössischen italienischen Philosophen. Vor allem seine politischen Theorien zum Begriff des Ausnahmezustandes und des „homo sacer“ gehören zum Kanon aktueller politischer Theorie. Seine Arbeiten zum nackten Leben und der souveränen Macht beschreiben dabei nicht nur historische Ereignisse und Transformationen politischer Handlungsmacht, sondern spielen auch in aktuellen Diskursen zum Beispiel zur Frage des katastrophalen und menschenfeindlichen Umgang mit Refugees an Europas Grenzen und in Europas „Flüchtlingszentren“ eine wichtige Rolle um die vielfältigen und verabscheuungswürdigen Verstrickungen von vermeintlichem Recht und dem Umgang mit dem Leben von Menschen zu analysieren.

Agamben bedient sich hier vor allem der antiken Unterscheidung des Lebens in bios und zōē, also in das Leben als solches, das allen Lebewesen gemein ist (zōē) und den bestimmten Formen von Leben, dem „politischen Leben“ (bios). Im Weiterdenken von Foucaults Biopolitik erläutert Agamben, dass die Moderne sich dadurch auszeichnet nicht mehr den bios als Ziel von Macht zu haben, sondern zōē, also das nackte Leben, zu politisieren. „Doch das Eintreten der zōē in die Sphäre der polis, die Politisierung des nackten Lebens als solches bildet auf jeden Fall das entscheidende Ereignis der Moderne und markiert eine radikale Transformation der klassischen politisch-philosophischen Kategorien.“ (14) Auf Schmitt und anderen politischen Denkern aufbauend erarbeitet Agamben, dass der „Ausnahmezustand“ mittlerweile zur Regel geworden sei, und damit eine „fundamentale politische Struktur in unserer Zeit“ (30) geworden sei.

In das Zentrum seiner Untersuchung stellt er dabei den homo sacer, eine „obskure“ Rechtsfigur des römischen Rechts, die „getötet werden kann, aber nicht geopfert werden darf“ (18), jenem Leben also, das mit dem Ausnahmezustand intrinsisch verbunden zu sein scheint. Denn der homo sacer bewahre, so Agamben, das Gedächtnis „der ursprünglichen Ausschließung, mittels derer sich die politische Dimension konstituiert hat“ (93). Der homo sacer beschreibt also jenes Leben, welches unter den „souveränen Bann“ den Ausnahmezustand fällt, jenes nackte Leben das getötet werden darf, jenes „heilige Leben“.

Souverän ist die Sphäre, in der man töten kann, ohne einen Mord zu begehen und ohne ein Opfer zu zelebrieren, und heilig, das heißt tötbar, aber nicht opferbar, ist das Leben, das in dieser Sphäre eingeschlossen ist.“ (93)

Wie Foucault schon beschrieben hat, ist der Mensch nicht mehr wie bei Aristoteles ein lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist, sondern „der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht“ (Foucault, zitiert nach Agamben, 127). Eine wichtige Rolle spielt dabei das Auftauchen des „corpus“ also Körper Begriffs, bzw. der Veränderung dessen Konzeption. Denn die moderne Demokratie, so Agamben, schafft den homo sacer nicht ab, sondern zersplittert ihn und verstreut ihn in jeden einzelnen Körper. „Du musst einen Körper vorzuzeigen haben“ (132) so die Devise des modernen Staates. Denn Biopolitik kann für Agamben nur über genau diesen Kniff, der Verteilung des nackten Lebens auf jeden einzelnen Körper verstanden werden. Der Mensch, besonders der/die „Bürger*in“, hat nämlich eben nicht nur einen natürlichen Körper sondern ist auch Teil des Staatskörpers, „Teil des Politischen“ (133).

Es sind die absolut tötbaren Körper der Untertanen, die den neuen politischen Körper des Abendlandes bilden.“ (134)

Agamben untersucht in seiner Studie nicht nur philosophische Texte sondern auch religiöse und besonders ältere Rechtstexte, vor allem das römische Recht, und bringt diese in Beziehung zu aktuellen Rechts-Konstrukten. Er will so die unterliegenden Dynamiken und Muster aktueller moderner Politik aufzeigen. Hierzu zählt auch das Konstrukt der Menschenrechte, dem er sich immer wieder in seiner Studie sehr genau annimmt. Doch auch die Frage vom Umgang mit Refugees spielt schon in seiner Untersuchung, und noch viel mehr in zahllosen an ihn anschließenden Texten, eine enorme Rolle. Denn es ist die Figur des „Flüchtlings“, die die Gründungsfiktion des modernen Nationalstaates in Frage stellt und damit auch die zugrunde liegende Ordnung. Es ist die Figur der Flüchtenden, die die Tyrannei des modernen Staates und damit auch die Beziehung des Staates zum homo sacer offensichtlich und unübersehbar macht.

Der Flüchtling, der den Abstand zwischen Geburt und Nation zur Schau stellt, bringt auf der politischen Bühne für einen Augenblick jenes nackte Leben zum Vorschein, das deren geheime Voraussetzung ist.“ (140)

Agambens Bemerkungen zum Lager als „nomos der Moderne“ (175) sind in Bezug zu Refugees und der europäischen Flüchtlingspolitik genauso relevant, wie in Bezug zum Umgang mit einer Pandemie und der Frage von Quarantäne. So steht für Agamben am Beginn des Lagers die Praxis der „Schutzhaft“ in Verbindung mit und ermöglicht durch den Ausnahmezustand. (vgl. 175f)

Das Lager ist der Raum, der sich öffnet, wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden beginnt.“ (177)

Das Lager, so Agamben, ist „das biopolitische Paradigma des Abendlandes“ (190).

Diese kurzen und sehr überblickshaften und damit bei weitem der Komplexität von Agambens Werk nicht gerecht werdenden Bemerkungen sollen bloß einen ersten kleinen Überblick in einige der zentralen Begriffe von Agamben geben. Begriffe und Konzepte, die nicht nur in Zeiten des Coronavirus zentrale Aspekte des Politischen ansprechen. Dabei habe ich aber nicht versucht diese Begriffe selbst auf den Coronavirus anzuwenden, dies benötigt eine tiefere und eingehendere Analyse von Agamben und der Reaktionen auf den Virus. Doch wie wir sehen werden, ist es besonders der Begriff des Ausnahmezustands, den Agamben selbst, in seiner Reaktion auf den Coronavirus bemühen wird und der im Zentrum seiner etwas befremdlichen Reaktion steht. Doch dazu im nächsten Teil dieser Serie.

Literatur

Agamben, Giorgio (2002)[1995]: Homo sacer. Die Souveränität der Macht und das nackte Leben. Frankfurt/M: Suhrkamp.

Weiterführende Literatur zu Agamben

Sammlung von Vorträgen Agambens an der Europaen Graduate School

Eintrag in der Internet Encyclopedia of Philosophy

Agamben, Giorgio

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