Bifo II: Neue Aphorismen aus der Isolation

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Franco ‚Bifo‘ Berardi hat am 6. April 2020 den zweiten Teil seiner aphoristischen Tagebucheinträge abermals auf der Verso-Verlagsseite veröffentlicht. Bei der Besprechung der ersten Einträge habe ich bereits längere Bemerkungen und Überlegungen formuliert, bezüglich der spannenden Form, in der Bifo auf das sich entfaltende Ereignis Coronavirus und den weltweiten Reaktionen und Maßnahmen darauf reagiert.

Auch wenn Bifo mittlerweile einen Text üblicher Form im Rahmen der transversal Ausgabe Around the Crown publiziert hat, halte ich dennoch seine aphoristische, vorsichtige und flexible Form der tagbuchähnlichen Einträge für eine der geeignetsten Formen der Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation. Denn in diesen Einträgen mischen sich philosophische Bemerkungen und Thesen, mit Fundstücken aus gerade gelesenen Texten, persönlichen Anekdoten und aktuellen Entwicklungen und spiegeln damit die eigenartige und eben nicht klar trennbare Verwicklung persönlicher Betroffenheit, aktueller Ereignisse und dem Ringen nach einem Denken über das Ereignis, wieder, eine Verwicklung die viele von uns gerade erfahren.

Waren die ersten Einträge noch dominiert von dem Versuch das Ereignis und vor allem das Virus selbst zu verstehen, die massiven Maßnahmen gegen die Ausbreitung einzuordnen und sich mit dieser, vor allem in Italien, plötzlich dramatisch intensivierenden Situation auseinanderzusetzen, ist der zweite Teil der Einträge nun vor allem der Frage wie lange diese Situation unser Leben bestimmen wird gewidmet und was für ein danach es geben kann, besonders wenn man noch nicht einmal weiß wie lange es bis zu diesem danach dauern wird. Der zweite Teil ist auch wesentlich mehr von der persönlichen Situation Bifos bestimmt. Wiederkehrende Motive sind dabei seine Asthmaerkrankung, die Korrespondenzen mit Freund*innen aus aller Welt und verschiedenste Ausschnitte und Zitate aus gerade gelesenen Texten. Doch vor allem geht es Bifo auch in diesen Einträgen Lesen Sie mehr »

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Quicktakes II: Biopolitik, Ausnahmezustand und Virusmetaphern – oder Foucault vs. Agamben

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In den Quicktakes, also kurzen Zusammenfassungen und Kommentierungen einzelner Artikel, dieser Woche steht die Frage der Begriffsarbeit im verbindenden Vordergrund. Im Rahmen dieser Serie wurden schon einige Begriffe und Konzepte, die momentan aktuell erscheinen oder eben auch viel diskutiert werden etwas näher betrachtet, so z.B. Biopolitik und Biomacht, Disziplinargesellschaft, Ausnahmezustand, demokratische Biopolitik, Gesundheit und einige andere.

Es ist essentiell gerade jetzt in einer Zeit der aufgerüsteten Worte, also dem oft beschworenen vermeintlichen „Krieg gegen den unsichtbaren Feind“, die Verwendung der Sprache und der Begriffe kritisch zu betrachten und zu reflektieren. Damit ist nicht nur das Anwenden verschiedener populärer theoretischer Konzepte auf die Pandemie gemeint, sondern auch die Verwendung von bestimmter Sprache in der politischen und wissenschaftlichen Kommunikation. Für die einen ist die momentane Situation eine täglich neu realisierte Biopolitik, andere sehen den totalitären Ausnahmezustand verwirklicht und andere gefallen sich besonders in der inflationären Verwendung von Virusmetaphern für alle möglichen und unmöglichen Ereignisse. Im Folgenden sollen daher einige dieser momentan häufig verwendeten Begriffe reflektiert, kritisiert oder nachgeschärft werden und dabei wird besonders die Frage ob man nun Foucault lesen soll oder nicht und warum man definitiv nicht mehr Agamben lesen muss, eine wiederkehrende Rolle spielen.

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Bifo: Die Virus-Aphorismen

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Im Rahmen dieser Serie wurden mittlerweile die unterschiedlichsten Positionen zum Coronavirus von unterschiedlichen Denker*innen kommentiert, und bei all diesen unterschiedlichen Reaktionen interessierte mich immer nicht nur die inhaltlichen Argumente, sondern darüber hinaus interessierte mich stets auch die Form der Reaktion. Wenn es um die Kommentierung oder Analyse eines Ereignisses geht, das sich gerade erst entwickelt, wo nahezu täglich neue Erkenntnisse, Veränderungen, Intensitäten und Entscheidungen auftauchen, ist es unmöglich eine abgeschlossene Analyse zu liefern. Der Kommentar von heute mag morgen schon wieder outdated sein, eine Einschätzung, die gestern noch argumentiert werden konnte mag heute fatal wirken. Diese Unmöglichkeit, so wurde auch in der Serie gezeigt, hält einzelne jedoch keinesfalls davon ab, große und oftmals höchst problematische Urteile abzugeben und trotz der Unmöglichkeit, trotz der ständigen Dynamik der Situation, eine fertige Analyse zu probieren. Diese Versuche scheitern oftmals, wenn auch nicht immer so grandios und vielbeachtet wie bei Agamben. Häufiger jedoch haben wir es mit ersten Einschätzungen und Kommentaren zu tun, die zumeist versuchen entweder bestimmte Begriffe als Verständnis und Kritikhilfe vorzuschlagen, oder bestimmte Fragen als Problematiken in den Diskurs einzubringen. Diese philosophischen Interventionen nehmen dabei zumeist die Form eines Zeitungskommentars oder auch eines knappen Essays an, und ab und zu sind es direkte Repliken auf andere Texte, geschrieben in der Form eines offenen Briefs.

In den literarischen Beschäftigungen, die es bis jetzt, sei es über Social Media oder über z.B. ein Projekt des Grazer Literaturhauses, zum Coronavirus gibt, erfreut sich hingegen zuvorderst eine ganz andere Textform großer Beliebtheit, nämlich die Form der Tagebucheinträge. Tagebucheinträge als literarische Form in der Beschäftigung mit großen Krisen aber auch in Situationen individueller Isolation (Gefängnisaufenthalten z.B.) haben eine lange und spannende Geschichte. In der Philosophie finden sich solche Textformen seltener und heutzutage immer weniger.

Das Ringen um die geeignete philosophische Textform — Tagebuch-Aphorismen

Aus diesem Grund, aber auch aus vielen anderen, ist deswegen die erste publizierte Reaktion (veröffentlicht am 18. März am Verso Verlagsblog) des italienischen Philosophen und Aktivisten Franco „Bifo“ Berardi so außergewöhnlich. Er wählt nämlich eine tagebuchähnliche Form, mit Beiträgen beginnend am 21. Februar (seiner Rückkehr von einer Reise in seine Heimatstadt Bologna) bis zum 13. März. Der erste Eintrag:

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Badiou: Die Pandemie als ‘Nicht-Ereignis’

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Dass die schnell verfassten Kommentare bekannter Philosoph*innen (vor allem Philosophen) zu aktuellen Ereignissen nicht immer gelungen sein müssen, beziehungsweise sogar befremdlich sein können, besonders in Hinblick auf die sonstige Qualität ihrer theoretischen Arbeiten, wurde im Rahmen dieser Reihe schon öfters diskutiert. Die weltweite Pandemie scheint als Nebeneffekt auch ein Magnet der Entblößung oder gar Blamage für angesehene Philosoph*innen zu sein, nicht zuletzt weil naturwissenschaftliche, mathematische und medizinische Einschätzungen gerade eher gewappnet scheinen, die direkten Daten und Entwicklungen beurteilen zu können. Dass philosophische Beiträge jedoch wichtig wären, und viele Begriffe und Konzepte auch in der Einschätzung sowie dem Diskurs darüber helfen können, wurde ebenfalls versucht zu zeigen.

Nach Agamben, Nancy, Butler und Zizek hat sich am 23. März nun auch einer der wichtigsten und einflussreichsten noch lebenden französischen Philosophen zum Coronavirus zu Wort gemeldet, nämlich Alain Badiou. Gerade wenn es um Kommentare zu aktuellen politischen Kämpfen und Bewegungen geht, ist Badiou, nicht zuletzt weil nahezu alle seine Schriften immer um die Frage der Politik kreisen, oft gefragt. Zu einigen der wichtigsten Begriffe seines Werkes habe ich vor einiger Zeit einmal einen Beitrag verfasst, der hier abzurufen ist. Nun also hat sich Badiou auch zum Coronavirus und den mittlerweile weltweiten Maßnahmen dagegen geäußert und sein auf der Verso-Verlagsseite veröffentlichter Text (übersetzt von Alberto Toscano) trägt den schlichten Titel: On the Epidemic Situation. So unaufgeregt der Titel ist, so unaufgeregt beziehungsweise wohl eher abgeklärt und nahezu gelangweilt zeigt sich auch Badiou selbst. Wenn man seinen Kommentar pointiert und etwas überspitzt zusammenfassen möchte, so müsste man wohl schreiben: Die Coronavirus-Pandemie ist weder eine Überraschung, noch etwas Besonderes und wird daher auch keinerlei Einschnitt oder Veränderung, schon gar keine politische in irgendeine Richtung, mit sich bringen.

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Quicktakes I: Die Normalität vor/in/nach der Pandemie

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Lewisham, London — Quelle: reddit

So wie die Zahl der Artikel und Beiträge nahezu minütlich anwächst und immer schwerer überschaubar wird, so steigt selbstverständlich auch zunehmend die Zahl der philosophischen und theoretischen Beiträge und Interventionen die sich mit der Pandemie und dem Diskurs über Covid19 auseinandersetzen. Um dieser wachsenden Zahl an Beiträgen gerecht zu werden, gibt es in dieser Reihe nun ab und zu auch das Format der „Quicktakes“, also kurzer Anmerkungen zu einzelnen Texten, Anmerkungen, die sich nur auf bestimmte Thesen dieser Texte konzentrieren.

In diesen ersten „Quicktakes“ wird es um eine Reihe an verschiedensten Beiträgen gehen, die alle in direkterer oder indirekter Form die Frage der Normalität stellen. Wie oft hört man momentan, dass man es kaum erwarten kann, wenn endlich alles wieder normal sein wird. Doch dieses Ereignis ist erst am Beginn, noch dazu ist dieses Ereignis zu einschneidend und wie bei einigen anderen geschichtsträchtigen Ereignissen wird es eben daher kein Zurück zu ein „wie davor“ geben können, zumindest nicht so schnell. Demirovic nennt diese Pandemie daher auch eine „Denormalisierungskrise“. Doch welche Normalität wurde hier verloren? Eine Gesellschaft voller Ungleichheiten, Ausschlüssen und Widersprüchen. Diese Ungleichheiten verschwinden nicht durch das Virus, sie werden, wie unlängst näher erläutert, genau gegenteilig noch gravierender. Dennoch könnte es auch die Chance für eine Transformation in eine neue Normalität sein, eine bessere vielleicht, vielleicht aber auch eine autoritärere. Dies ist noch lange nicht entschieden, aber der Kampf darum und die Diskussion darüber sind längst entbrannt. Im Folgenden nun einige Beiträge die Lesen Sie mehr »

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Butler: Die Frage der Gleichheit vor dem Virus

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Unter dem kurzen, aber dafür sehr direkten Titel: Capitalism Has its Limits publizierte eine der wichtigsten Denkerinnen der USA ihre ersten Einschätzungen und Analysen über den Coronavirus. Veröffentlicht am 19. März, auf dem Verso Verlagsblog befasste Butler sich schon bevor die Pandemie die USA mit der absehbaren vollen Wucht erreichte, mit den Auswirkungen des Virus nicht nur auf die Menschen sondern auch auf den gerade wütenden (Vor)Wahlkampf. Wer nun erwartet dass auch Butler, wie einige andere Philosophen*innen, die hier am Blog schon ausgiebig besprochen wurden (vor allem natürlich Agamben) manche ihrer großen und bekannten Konzepte und Begriffe heranzieht um sie sogleich um das Mega-Ereignisses Coronavirus umzuhängen und das Virus damit auch auf eine gewisse Art zu vereinnahmen, der irrt. Es geht Butler eben nicht darum zu zeigen, dass genau ihre Theorie dieses Ereignis bereits in seiner Vielfältigkeit begreifen und beschreiben kann, sondern Ziel ist die richtigen, sprich politischen Fragen zu finden, die es genau jetzt in dieser so außergewöhnlichen Krise zu stellen gilt.

Butlers Text ist in erster Linie eine klare und kämpferische politische Analyse, die das Problem Coronavirus aus einer US-amerikanischen Perspektive betrachtet und zwar vor allem aus der Sicht jener, die in den USA am wenigsten geschützt sind, jenen die in ihrer Prekarität den Auswirkungen des Virus aber auch den Maßnahmen gegen den Virus am meisten ausgesetzt sind. Dabei steht für Butler eben natürlich auch die Frage, was das Virus für den momentan herrschenden Wahlkampf in den USA bedeutet, im Fokus, denn genau dort spielte schon vor dem Auftauchen des Virus die Frage nach freier und allgemeiner Krankenversicherung eine große Rolle, eine Frage die gerade in einer Situation wie jetzt in ihrer Dringlichkeit nochmal deutlicher wurde.

Welche philosophischen Konzepte schließlich am besten geeignet scheinen, das Ereignis Covid19 zu beschreiben und zu analysieren, wird sich noch zeigen. Der politische Kampf, und hier liegt Butlers Fokus, um die Deutung dieser Krise aber auch für die Lehren und damit einhergehend die Veränderungen die es in Zukunft braucht, dieser politische Kampf muss nicht nur jetzt schon geführt werden, er ist vielmehr schon längst im Gange.

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Canguilhem: Gesundheit, Krankheit und Norm in Zeiten der Pandemie

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Im Rahmen dieser Reihe wurde schon viel über die Frage von unterschiedlichen (auch progressiven) Biopolitiken geschrieben. Wenn Biopolitik/macht laut Foucault jene Politik ist, die „Leben macht“ stellt sich aber die Frage was Leben und ganz besonders was gesundes Leben überhaupt heißen soll und ob es auf so etwas überhaupt allgemeine Antworten geben kann. In den Auseinandersetzungen mit dem Coronavirus, den Maßnahmen gegen eine schnelle Ausbreitung, den verschiedenen Szenarien der Ansteckung und den zahllosen Statistiken über die extrem unterschiedlichen Krankheitsverläufe, erscheint der Virus als etwas schwer Fassbares.

Es ist unbestritten dass jede*r auf je eigene Weise von dem Virus und dessen (auch zukünftigen) Auswirkungen betroffen ist, manche direkt manche zumindest vorerst nur indirekt, manche mehr manche weniger, manche mehrfach und auf viele unterschiedliche Arten und Weisen und manche (zumindest bisher) hauptsächlich durch die Maßnahmen gegen die Verbreitung. Der Virus wird dabei, abgesehen von zunehmend mehr Regionen in Europa, bisher vor allem als potentielle Krankheit, die bereits ihre Schatten auf uns wirft erfahren. Als medial vermittelte Krankheit, als Krankheit die man, obwohl man sie hat, womöglich gar nicht merkt, als Krankheit die wenn man sie hat vor allem für die Mitmenschen gefährlich ist, als Krankheit, die potentiell jeder andere in sich tragen könnte, kurz als Krankheit die immer mehr als nur einen selbst betrifft. Es ist dabei auch und vor allem die Unberechenbarkeit, sowohl was der Virus individuell für einen bedeutet als auch was er für die Gemeinschaft, die Mitmenschen und die Gesellschaft in Folge bedeutet, die die Angst und Sorge erhöhen. Der Virus wird daher von den meisten von uns grundsätzlich anders wahrgenommen als andere Krankheiten. Doch was ist Krankheit und Gesundheit überhaupt?

Vielleicht können hier die Überlegungen des Philosophen und Arztes Georges Canguilhem helfen, der sich Mitte des 20. Jahrhunderts mit genau diesen Fragen in seinem bahnbrechenden und weit über die Philosophie hinaus einflussreichen Werk Das Normale und das Pathologische (erstmals 1943) beschäftigt hatte. Canguilhem war besonders für Philosophen wie Foucault, Simondon, Derrida, Althusser und Deleuze ein wichtiger Bezugspunkt. Seine Schriften zur Medizintheorie hatten dabei starken Einfluss auf das Verständnis von Medizin, und genau deshalb könnten auch seine Überlegungen zu dem was Gesundheit und Krankheit eigentlich heißen, auch in dieser jetzigen Situation von Interesse. Im Folgen werden daher Lesen Sie mehr »

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Žizek II: Das ‘Begehren’ nach Überwachung und Strafe zu Zeiten des Virus

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Quelle: “The Pervert’s Guide to Ideology” (2012)

Slavoj Žizek hat mittlerweile – wie zu erwarten war – eine ganze Menge an Beiträgen zum Thema der Stunde, oder wohl mittlerweile eher zum Thema des kommenden Jahrzehnts, publiziert. Seinen ersten Beitrag, in dem er sich noch kämpferisch und gerade für seine Verhältnisse überraschend optimistisch zeigte, habe ich im Rahmen dieser Reihe schon kommentiert. Am 16. März 2020 hat Žizek in der Reihe „The Philosophical Salon“ der äußerst empfehlenswerten Online Zeitschrift LA Review of Books einen längeren Beitrag verfasst, der unüblicher Weise auch ganz ohne hollywood-Anspielungen auskommt, und eine Reihe interessanter Punkte einbringt. Schon der Titel ist dabei spannend, einerseits weil er eine Referenz auf den von ihm nicht immer unbedingt verehrten Foucault ist (zu dessen Überwachen und Strafen gibt es ebenfalls hier einen Artikel) und zweitens weil er im Titel schon das momentan allgemein herrschende Begehren nach starker Kontrolle und Disziplinarmacht anspricht: Monitor and Punish? Yes, Please!

Agamben, nicht nur problematisch sondern auch unsinnig

Žizek beginnt seinen Text mit einer relativ langen und ausgedehnten Kritik an Agamben, vor allem dessen ersten Text, der im Rahmen dieser Blogserie ebenfalls schon analysiert und kritisiert wurde. Agambens Idee eines künstlich heraufbeschworenen Ausnahmezustandes, der dazu dienen könnte, die Macht des Staates über die Bewohner*innen auszubauen und zu stärken, wurde vielfach kritisiert, so z.B. auch von Roberto Esposito, der Agamben mahnte, die unterschiedlichen Formen und Praxen des Ausnahmezustands auch unterschiedlich zu beurteilen. Dennoch und dessen ist sich auch Žizek sehr bewusst, wie seine Eingangsfragen und der Titel seines Textes schon zeigen, müssen wir aufmerksam und kritisch bleiben gegenüber den langfristigen Auswirkungen dieses Ausnahmezustandes, den Machttransformationen, die womöglich bleiben könnten (Orban ist hier ein erstes frühes Beispiel) und vor allem auch gegenüber dem momentan immer stärker werdenden Gehorsam und Begehren gegenüber solcher Machtformen Lesen Sie mehr »

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Über die (Un)Möglichkeiten einer demokratischen Biopolitik

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Im Rahmen dieser Serie wurde mittlerweile öfter über die Frage der Biopolitik geschrieben. Was ist Biopolitik/macht bei Foucault? Was sind die biopolitischen Ideen bei Agamben und wie verwendet er dieses Konzept, wenn er über den Coronavirus schreibt? Auch wurde über Roberto Esposito geschrieben und sein Versuch auch in der außergewöhnlichen Zeit des Coronavirus über die Nuancen unterschiedlicher biopolitischer Praktiken zu reflektieren, und nicht einfach die unterschiedlichsten Praktiken mit einem gleichmachenden Terminus zu verwischen. Doch auch nach diesen unterschiedlichsten Zugängen und Anwendungen des Konzepts der Biopolitik, stellt sich dennoch oder gerade deswegen die Frage, welche Politik ist Biopolitik eigentlich?

Biopolitik beschreibt Politik, die „Leben macht und sterben lässt“ wie Foucault es formuliert, also Politik die auf das Leben zielt, nicht auf den individuellen Körper und dessen Gesundheit, sondern auf den kollektiven Körper. Im Blick der Biopolitik sind also Statistiken, Relationen und Gefahrenabschätzungen mehr als einzelne individuelle Krankheitsverläufe. Dabei liegt es natürlich auf der Hand, dass der Umgang mit dem Coronavirus zum neuen Lehrbuchbeispiel von Biopolitik stilisiert wird und dies ganz bestimmt nicht zu unrecht. Denn es ist gerade der Begriff der Biopolitik, der die momentanen Maßnahmen, die so viele Staaten weltweit in unterschiedlicher Intensität einführen, erklären kann. Nur aus einer biopolitischen Perspektive scheinen die politischen Maßnahmen erklärbar, die Virolog*innen und Epidemolog*innen aus einer naturwissenschaftlichen Sicht fordern, nämlich die wochenlange Selbstisolierung des größten Teils der Bevölkerung. Ein Problem jedoch, wenn die Maßnahmen gegen den Coronavirus zum neuen Lehrbuchcase von Biopolitik werden, ist, dass damit verschiedenste andere, weniger große, weniger spektakuläre und weniger medienwirksame Ausformungen von Biopolitik aus dem Blick geraten. Biopolitik ist nicht einfach nur die völlige Ausnahme, die völlige Aussetzung des Normalzustandes, das totale Einschränken des öffentlichen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Biopolitik ist viel öfter genau das Gegenteil, nämlich eine dauernd aktive unterschwellige Politik, die gar nicht zu viel ins Rampenlicht gerückt werden will. Biopolitik ist eben selten eine ganz große laute Politik sondern vielmehr oftmals im kleinen Maße tätig, leise, nahezu unbemerkt. Die Frage für diesen Beitrag ist daher, muss Biopolitik immer eine totalitäre Politik sein, oder gibt es auch so etwas wie eine demokratische Biopolitik? Muss Biopolitik immer Lesen Sie mehr »

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Agamben III: Nach dem Virus sind wir nur noch ’nacktes Leben’ und andere fragwürdige ‘Klarstellungen’

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Über Agambens fragwürdigen und etwas eigenartigen Kommentar zum Coronavirus von Ende Februar wurde hier in dieser Reihe schon einiges geschrieben, so gibt es auch Beiträge über die Antworten und Kritiken von Jean-Luc Nancy und Roberto Esposito. Agambens Kommentar, nicht zuletzt auf Grund seiner verschwörungstheoretisch anmutenden und gefährlichen Relativierungen der Gefahr von Covid-19 und dem problematischen Vergleich mit einer herkömmlichen Grippewelle, wurde an vielen Orten diskutiert und kritisiert. Die kritischen Stimmen und Kommentare scheinen dabei so enorm gewesen zu sein, dass Agamben sich genötigt sah eine Antwort, also einige, wie er es selbst nennt, „Klarstellungen“ zu geben. Agamben hat seine „Clarifications“ von Adam Kotsko ins Englische übersetzen lassen, und dieser hat den Text auf seinem Blog am 17. März 2020 veröffentlicht. (Mittlerweile wurde der Text auch auf Deutsch übersetzt und ist in der NZZ erschienen) Im Folgenden möchte ich nun diese Klarstellungen, die wenn auch weniger explizit dennoch die gleichen problematischen Punkte seines ersten Kommentars wiederholen, in aller Kürze zusammenfassen. Dennoch gilt es zumindest den einen oder anderen Gedanken dieser Klarstellungen ernst zu nehmen und weiter zu reflektieren.

In meiner Kritik des ersten Kommentars von Agamben, habe ich vor allem die Banalisierung und Verwässerung seines so wichtigen theoretischen Konzeptes des Ausnahmezustandes kritisiert. Diese Kritik, auch und besonders unter dem Aspekt den Roberto Esposito in seinem Text eingemahnt hat, nämlich dem Aufruf zur Bewahrung von Verhältnismäßigkeiten in der Beurteilung und dem Vergleich von ereignisgebundenen Veränderungen und langfristigen Tendenzen (auch wenn sich diese manchmal direkt überschneiden), diese Kritik also muss auch nach und trotz der Klarstellungen Agambens formuliert werden. Denn Agamben hat lediglich den direkten Vergleich zur herkömmlichen Grippe aufgegeben, erwähnt diesen auch nicht mehr (Fehler einzugestehen ist selten die Stärke bekannter und gefeierter Philosophen), bedient sich aber trotzdem ständig einer beschwichtigenden und die Ernsthaftigkeit runterspielenden Rhetorik, wenn er über den Coronavirus spricht. Ansonsten wiederholt und bestärkt Agamben im Wesentlichen was er in seinem ersten Kommentar schon ausgeführt hat.

Angst ist ein schlechter Ratgeber, Unwissen aber auch

Agamben beginnt seinen Text mit einer kleinen ‚Nebelgranate‘. Denn anstatt Fehleinschätzungen seines ersten Textes zu thematisieren, will er gleich zu Beginn von der wissenschaftlichen Einschätzung von Covid-19 weg und hin zu den ethisch-politischen Fragen, dem Feld seiner Expertise. Agamben geht es also anders als in seinem früheren Kommentar jetzt nicht mehr darum, die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zu beurteilen, sondern Lesen Sie mehr »

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