Ding.Wesen – Humanoide Roboter als künstliche Menschen und andere anthropozentrische Missverständnisse

Am Sonntag den 8.11. 2020 findet als Teil des Berliner Festivals Theater der Dinge, eine Tanz/Lecture Performance von H.A.U.S. statt, einer transdiziplinären Forschungsgruppe, die sich mit humanoider Robotik und Künstlicher Intelligenz beschäftigt.

Ding.Wesen versucht eine Verschränkung von improvisierten Tanz, technischen Interventionen, musikalischen Improvisation und theoretischem Vortrag, die sich mit dem Status (humanoider) Dingwesen beschäftigt und dabei anthropozentrische Vorstellungen einer Sonderstellung des Menschen, dem Objekt-Status der Dinge, der Rolle von neuen Technologien und den daraus resultierenden menschlichen Normen beschäftigt. Ich selbst bin Teil dieser Performance und werde mit Spinoza, Haraway, Deleuze, Sylvia Wynter und anderen wichtigen Denker*innen nach den Möglichkeiten einer nicht-anthropozentrischen Begegnung mit Dingwesen fragen und die Notwendigkeit einer relationalen Ontologie andeuten. Der Text ist dabei zu tiefst von den Tanzstudien von Eva-Maria Kraft inspiriert, die mit zwei seriell produzierten humanoiden Robotern (Marke: Pepper) performen wird.

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Anthropozän / Kapitalozän / Chthulucene

Nicht erst seit der Corona-Pandemie ist der Begriff des Anthropozäns omnipresent. In diesem Begriff/Konzept verbinden sich schließlich gleich eine ganze Reihe an zentralen Fragen und Problemen unserer Zeit, allen voran natürlich die ökologischen Katastrophen aller Art, der Klimawandel aber eben auch globale Pandemien. Mittlerweile haben die meisten Philosoph*innen auf den Begriff des Anthropozäns auf die eine oder andere Art Bezug genommen, allen voran natürlich Bruno Latour mit seinem Terrestrischen Manifest und seinen Texten zum Gaia-Konzept. Im Folgenden möchte ich mich jedoch in aller Kürze durch ein paar Zitate mit zwei alternativen Konzeptionen oder Gegenbegriffen (und zwei Autor*innen, nämlich Jason Moore und vor allem Donna Haraway) zum Anthropozän beschäftigen. Anlass hierfür ist, wie hier unten genauer nachgelesen werden kann, meine Teilnahme an einem transdisziplinären Labor, das zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik agiert und einen offenen Raum für Diskurs und Reflektion bieten möchte. In der ersten Testlauf dieses Labors, das in Wien in den nächsten Monaten öfters stattfinden wird, steht nun eben genau der Begriff des Anthropozäns im Zentrum, aber auch die Gegenbegriffe und Gegennarrative, mehr dazu am Ende des Eintrags.

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Quicktakes IV: Demo mit Abstand — ‘braver’ Protest oder radikaler Widerstand?

Dieser Beitrag ist Teil der Coronavirus und die Philosophie Serie. Einen Überblick über die weiteren Teile dieser Blogbeitragsserie gibt es hier.

Der 1. Mai ist traditionell ein wichtiger Tag der Aufmärsche und Proteste. Weltweit werden heuer die Straßen leerer sein und die Proteste leiser. Selbst in den Ländern, in denen eine langsame Lockerung der Maßnahmen und damit eine schrittweise Öffnung passiert, ist ein großer Aufmarsch, dicht gedrängt unvorstellbar. Dass der 1. Mai dennoch gefeiert und begangen wird steht außer Frage und in den verschiedensten Städten bereiten sich unterschiedliche Gruppen auf eine ganze Reihe von Kundgebungen und Proteste mit social distancing, Masken und sonstigen notwendigen Vorkehrungen vor. So z.B. die Mayday Parade in Wien oder auch andere Kundgebungen wie die 10 ‑Jahres Feier des Boem.

In meinem letzten Beitrag habe ich mich bereits etwas ausführlicher mit der Frage des Protestes in Zeiten der Pandemie beschäftigt, über Möglichkeiten und Probleme von Demos und Kundgebungen ohne Ansteckungsgefahr und den Tücken von reinem Online-Protest nachgedacht. Dabei habe ich mich auch mit dem Unterschied verschiedenster linker und progressiver Kundgebungen, die für eine Sache demonstrieren, dabei jedoch nicht den Virus verbreiten wollen und andere in Gefahr bringen wollen und den immer zahlreicher werdenden unterschiedlichen rechten und vermeintlich apolitischen Protesten von verschiedensten Gruppierungen gegen die Pandemie-Maßnahmen selbst, geschrieben.

Es geht nicht darum, die Gefahren des Virus zu ignorieren, sondern jene Gefahren aufzuzeigen, denen Menschen immer, und seit Ausbruch des Virus verstärkt, ausgesetzt sind.

(Aus dem Demo-Aufruf der Mayday-Wien)

Es bleibt offen und schwer einzuschätzen wann große Proteste wieder möglich sein werden, notwendig sind sie es jetzt schon. Trotz zahlloser kreativer und auch radikaler Proteststrategien linker und progressiver Gruppierungen, die nicht zu einer Verbreitung des Virus beitragen, bekommen die rechten Proteste gegen die Maßnahmen oftmals mehr Aufmerksamkeit, sei es weil sie skurril sind und dabei absurde und krude Verschwörungstheorien verbreitet werden, oder weil sie besonders martialisch und gewaltsam auftreten (wie z.B. diese Tage in Michigan). Die Teilnehmerzahl dieser Proteste bleibt dennoch überschaubar. Die größten Proteste jedoch, die es derzeit gibt, sind nicht gegen die Maßnahmen und für mehr „individuelle“ Freiheiten, sondern genau gegen den Zwang rausgehen zu müssen und in den Fabriken und Lagerhallen der großen Konzerne ohne die nötigen Schutzmaßnahmen arbeiten zu gehen. Momentan beginnt eine nicht zu unterschätzende Streikwelle, Protestkundgebungen also, die darauf hinweisen, dass es nicht darum geht dass niemand rausgehen darf, sondern darum, dass selbst in stark betroffenen Regionen viele rausgehen müssen (Siehe dazu auch meinen Beitrag zur Kontrollgesellschaft).

wer Arbeiten muss – muss auch Demonstrieren dürfen – muss auch Wählen dürfen! (

(Aus dem Kundgebungsaufruf des Boem)

In diesen Quicktakes möchte ich daher einige kurze Anmerkungen zu Texten zusammentragen, die sich ebenfalls mit den Problemen und Möglichkeiten von Protesten in diesen Zeiten beschäftigen, verschiedenste Beispiele sammeln und darüber hinaus soll auch die Frage der Ungleichheit und die Rolle von Institutionen in aller Kürze angesprochen werden. Hierzu gibt es Texte über Protest und Organisation international, fokussiert auf den deutschsprachigen Raum, die Frage der Ungleichheit in der Pandemie und der Stärkung autoritärer Politik sowie Ausschnitte aus den Kundgebungsaufrufen zum 1. Mai vom Boem und der Mayday-Wien.

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Protest und Pandemie. Einige Überlegungen

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Credit: Elad Gutman siehe diesen Tweet

Während der Pandemie und ihren Ausgangsbeschränkungen nützte das Regime in Hong Kong die erzwungene Protestpause um Aktivist*innen zu inhaftieren. Gleichzeitig gingen die Bilder des größten Massenprotestes mit social distancing bisher, aufgenommen bei Protesten in Israel um die Welt. Doch wie ist Protest in der momentanen Situation möglich und welche Herausforderungen stellen sich hier? Wer kann im öffentlichen Raum protestieren, wer nicht?

Die momentane Situation der Ausgangsbeschränkungen hat auch Auswirkungen auf das Grundrecht der Versammlungsfreiheit und auf das Demonstrationsrecht. Soziale Bewegungen aber auch einzelne politische Proteste haben eine ganz besonders innige Verbindung zum öffentlichen Raum. Öffentlicher, zumeist städtischer, Raum ist für Proteste und Bewegungen weit mehr als nur ein Versammlungsort, mehr als nur der Ort an dem es gilt in Erscheinung zu treten. Der öffentliche Raum ist vielmehr Begegnungsort, Organisationsort, Ort des politischen Kampfes und oftmals auch Ziel und Inhalt der Proteste er kann aber auch, wie vor allem die sogenannte Welle der Platzbesetzungsbewegungen der letzten zehn Jahre zeigte, vorübergehender Wohnort, Ort der politischen Bildung und zentraler Bezugspunkt der Bewegung sein. Occupy Wall Street wurde mit dem Slogan „Are you ready for a Tahir moment” ins Leben gerufen, also inspiriert durch die Anrufung der platzzentrierten Bewegung in Ägypten, die Gezi-Bewegung nutzte den besetzen Ort nicht nur zur Organisation, sondern schützte diesen Ort damit auch vor dem Verschwinden und so ließen sich zahlreiche Beispiele aufzählen, die die intrinsische Verbindung sozialer Bewegungen und öffentlicher Räume aufzeigen. An anderen Stellen habe ich über die vielfältigen Zusammenhänge des öffentlichen Raums und sozialer Bewegungen ausführlicher geschrieben, einen Überblick über diese Artikel finden Sie am Ende dieses Beitrags (hier).

In Zeiten der Pandemie, in denen der öffentliche Raum nicht nur für politische Proteste sondern für nahezu alle Tätigkeiten (vor allem jenen, die keinen ökonomischen Mehrwert erzeugen) gesperrt ist, stellt dies Soziale Bewegungen vor neue Herausforderungen. Wie kann unter diesen Umständen demonstriert werden, wie kann man sich weiter organisieren, wie weiter auf die Missstände und Probleme aufmerksam machen, wie soziale Ungleichheiten bekämpfen und aufzeigen. In den letzten Wochen wurde daher mit vielen unterschiedlichen Ideen und Protestformen experimentiert. Online Petitionen und Proteste auf Social Media (Avatar-veränderungen, Blogrolls, etc.) erfreuen sich dabei verständlicherweise besonderer und vielleicht auch erneuter Beliebtheit. So hat z.B. auch die Fridays for Future Bewegungen versucht ihre wöchentlichen Kundgebungen in online-Form weiterzuführen. Doch auch Versuche den Protest auf die Straße zu bringen gab es viele, von unterschiedlichen Seiten und mit unterschiedlichen Erfolgen. Im Folgenden sollen einige Ambivalenzen solcher Versuche, mögliche Unterschiede zwischen linken und rechten Straßenprotesten und schließlich auch einige Probleme Social Media getriebener Proteste in aller Kürze reflektiert werden. Dazu gibt es auch einen kurzen Quicktakes-Beitrag zur Frage der Ungleichheit und des Protests in Zeiten der Coronavirus-Pandemie.

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Agamben IV: Wessen Freiheit auf wessen Kosten?

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Es ist wieder mal so weit. Abermals scheint es notwendig über Giorgio Agambens Texte zum Coronavirus zu schreiben. Agamben kann es nicht lassen weiter zu provozieren und wird mit seinen Thesen zu Covid19 immer aggressiver, angriffiger und noch problematischer (man hätte es fast nicht für möglich gehalten

Agambens erste Texte zu Covid 19 (hier eine Analyse und Kritik des ersten Textes und hier die Analyse und Kritik des zweiten Textes von Agamben) haben international wohl die größte Aufmerksamkeit aller philosophischen Beiträge zum Virus bisher bekommen. Zum größten Teil waren dabei die Antworten und Reaktionen auf Agamben, Ablehnung und tiefgreifende Kritik. Agambens Bemerkungen waren vor allem geprägt von verschwörungstheoretischen Überlegungen zur Dramatik des Virus (so behauptete er, das Virus sei gleichzusetzen mit herkömmlichen Grippeviren), genauso wie seine Kritik an den laut ihm maßlos überzogenen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus, also der „lockdown“ und „social distancing“. Agamben bezeichnete die Maßnahmen des Staates als endgültige Implementierung dessen was er den Ausnahmezustand nennt, und sah in den Ausgangsbeschränkungen vor allem eine Einschränkung der persönlichen Freiheit und ein damit ein Regime des reinen biologischen Lebens (mehr dazu hier).

Agamben wurde von den verschiedensten Seiten stark kritisiert, sogar von befreundeten Kollegen wie Jean-Luc Nancy oder auch Roberto Esposito. All diese Kritiken und Widerlegungen dürften ihn aber vor allem motiviert haben nicht nur nicht locker zu lassen sondern immer mehr und immer wieder über Covid19 zu schreiben. Fast wie ein ‚Internettroll‘ scheint ihn der Widerspruch und die Kritik zu bestärken und anzufeuern weiterhin die Gefahr zu relativieren und damit zum Hauptbezugspunkt einer immer größer und vor allem lauter werdenden Gruppe an ‚Covid19-Verhamlosern‘ zu werden, die durch den Bezug auf seine Texte hoffen, ihren Wirtschaftsliberalismus mit moralischen Begriffen intellektuell kaschieren zu können.

Man könnte ja auch meinen, dass die Entwicklungen, gerade in Italien, Agamben zu denken gegeben hätten, aber all die dramatischen Zahlen haben Agamben nicht nur nicht dazu gebracht seine Meinung zu ändern, sondern scheinen ihn noch mehr bestärkt zu haben. Nahezu jede Woche erschien seither ein neuer Text von ihm, im Wesentlichen mit denselben Punkten, die auch schon in den ersten Texten vorgebracht wurden: Das Virus sei nicht so schlimm, dass es diese dramatischen Freiheitseinschränkungen rechtfertige und die Pandemie wird vor allem dafür genutzt, endgültig eine Biopolitik des nackten, also nur noch biologisch verstandenen, Lebens zu implementieren.

Diese Woche hat Agamben in seinem neuesten Kommentar nun sogar den „Zusammenbruch der liberalen Demokratie“ beklagt, und schreckt auch nicht davor zurück, die Maßnahmen gegen die Virusverbreitung mit den Taten des Naziregimes und jene die diese Maßnahmen befürworten oder für notwendig halten, mit Adolf Eichmann zu vergleichen. Damit stellt der aktuelle Text wohl einen der intellektuellen Tiefpunkte des bisherigen philosophischen Diskurses über das Coronavirus dar.

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Zukunftsgeschichten: Inspirationen aus der Popkultur oder wie das Virus denken

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Leere Straßen und Stadtzentren, Menschen mit Gesichtsmasken, ein Virus, das nach und nach die ganze Welt erfasst und die politischen, sozialen, ökonomischen, ökologischen, wissenschaftlichen, psychologischen und kulturellen Aspekte dominiert. Wer fühlt sich hier nicht an die apokalyptischen Science Fiction und Horror Filme der letzten Jahrzehnte erinnert. Der Untergang einer Welt wie wir sie kennen durch einen Virus ist ein Hauptmotiv des gerade in den letzten Jahren enorm populären Zombie-Genres. Doch weit über dieses Genre hinaus hat sich insbesondere die Science Fiction und Horror Kultur mit Szenarien, ähnlich zu unserer jetzigen Situation, auseinandergesetzt.

Nachdem schon zu viele Menschen in den letzten Wochen Albert Camus Die Pest ‚zitiert‘ haben oder teilweise auch wirklich gelesen haben, bleibt die Frage welche Werke der Science Fiction Genres besonders in einer Situation wie der jetzigen von Interesse sind. Damit ist nicht nur gemeint diese Situation beschreiben, sondern tatsächlich auch zum Denken anregen und damit einerseits die Kritik der bestehenden Verhältnisse befördern oder/und die an anderer Stelle beschriebenen Aufrufe zur Imagination eines Neuen anleiten und initiieren könnten. Im Folgenden versammle ich daher einige Ausschnitte aus theoretischen Texten, in denen sich die Autor*innen von bestimmten Werke der Science Fiction oder Horror-Kultur inspiriert fühlen.

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Quicktakes III: Beschleunigung, Entschleunigung und die Unsicherheit vor dem Virus als Feind

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In den Quicktakes (siehe auch I und II), also kurzen Zusammenfassungen und Kommentierungen einzelner Artikel, dieser Woche ist das verbindende der besprochenen Beiträge einerseits, dass hier allesamt „Stars“ der deutschsprachigen Philosophie- und Theorieszene versammelt sind. Byung-Chul Han, Jürgen Habermas, Armen Avanessian und Hartmut Rosa sind im deutschsprachigen Raum aber auch weit darüber hinaus vielzitierte und viel gefragte Denker. Inwiefern ihre Thesen dennoch sehr kritisch zu sehen sind, wird im Folgenden diskutiert.

Doch darüber hinaus verbindet die Beiträge auch ihre Betonung bestimmter Aspekte der Coronakrise. Besonders im Fokus der Analysen dieser Denker steht die Unsicherheit als globales und in dieser Intensität schon seit Generationen nicht mehr empfundenes kollektives Gefühl. Was machen, wie handeln und wann welche Maßnahmen treffen. Politisches, gesellschaftliches aber auch individuelles Handeln muss bis zu einem gewissen Grad momentan auf einem Nicht-Wissen, einer Unsicherheit aufbauen. Han betont daher die Substitution der Berechenbarkeit einer Situation mit einer anderen etablierten Form des politischen Diskurses, denn auch wenn alles von Unsicherheit geprägt zu sein scheint, stellt das Virus einen gemeinsamen Feind dar. Der dritte Aspekt der die hier versammelten Beiträge verbindet ist die Frage nach Geschwindigkeiten. Die rasante Ausbreitung des Virus hat dabei jedoch eine Entschleunigung oder „Vollbremsung“, wie Rosa sagt, im gesellschaftlichen und sozialen Leben zur Folge. Wie also mit diesen gleichzeitigen Ungleichzeitigkeiten umgehen?

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Preciado: Die problematische Lehre des Virus

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Der Philosoph und Kurator Paul B Preciado hat mittlerweile mehrere Texte über das Thema der Stunde verfasst, Texte die bereits in verschiedenste Sprachen übersetzt und durchaus viel geteilt wurden. Preciado beschäftigt das Coronavirus aber nicht bloß als ein gesellschaftliches, biopolitisches aber auch soziales und medizinisches Ereignis, das einen tiefen und wohl unumkehrbaren Einschnitt darstellt. Preciado hat noch einen anderen, direkteren, Zugang zu dieser Frage, denn er erkrankte selbst Mitte März an dem Virus und war damit auch ganz direkt davon betroffen.

Im Folgenden möchte ich einige Argumente aus zwei Texten, die Preciado nach seiner Genesung verfasst hat herausgreifen und diskutieren. Obwohl sich dabei einige interessante Thesen finden lassen, die es wert sind näher diskutiert zu werden, muss ich dennoch gleich vorweg mein Unbehagen mit einigen hochproblematischen Stellen dieser Texte ausdrücken, die ich weiter unten direkt kritisieren werde. Auch wenn viele interessante Thesen zu finden sind, lassen mich diese problematischen Teile des Textes doch fragen, warum Preciados Texte zum Coronavirus bisher eine hauptsächlich positive Rezeption erfahren haben?

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Die Pandemie in Zeiten der ‘Kontrollgesellschaften’

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Quelle: von Taeyoon Choi aus einer Visualisierung des Kontrollgesellscahftsaufsatzes

Handyapps die die Bewegungen und Kontakte tracken sollen, Home Office um auch in der Isolation produktiv bleiben zu können und neben der Selbstisolation in den Wohnungen die Lenkung der Mobilität all jener die Arbeiten und Einkaufen gehen und all dies neben geschlossenen Grenzen und der Weigerung Refugees aus Griechenland auf andere Länder aufzuteilen. Die Maßnahmen gegen die Verbreitung von Covid19 sind nicht alleine mit den Begriffen der Disziplinargesellschaft, der Biopolitik und des Ausnahmezustands zu verstehen.

Jenseits der Disziplinargesellschaft und des Volkskörpers

In früheren Beiträgen dieser Serie wurde des Öfteren auf Foucaults Begriff der Disziplinargesellschaft/macht und den Kontext in dem er diese Machtverschiebung beschreibt, nämlich die Bekämpfung der Pestseuche, eingegangen. Auch habe ich sowohl Foucaults Konzept der Biopolitik als auch darauf aufbauende Überlegungen über das Potential einer progressiven oder demokratischen Biopolitik beschrieben. Foucaults Arbeiten und besonders diese Konzepte stellen, so sollte gezeigt werden, einen wichtigen Beitrag in den notwendigen aktuellen Diskussionen über das Coronavirus und die Machtverschiebungen durch die Maßnahmen dagegen dar. Theoretiker wie Philip Sarasin haben in den letzten Wochen jedoch immer wieder diesen vielleicht ‚voreiligen‘ Reflex, auf Foucault und seine Begrifflichkeiten zurückzugreifen, kritisiert, nicht zuletzt weil Foucaults Konzepte bereits von ihm selbst sehr klar historisch verortet wurden und daher natürlich die Anwendbarkeit auf aktuelle Ereignisse begrenzt sein muss. (Warum Focucault dennoch zentral bleibt habe ich hier diskutiert)

Dass die Einschließungs- und Selbstisolationsaufforderungen der unterschiedlichen Regierungen keinesfalls gleich den Maßnahmen gegen Pestausbreitung, wie sie Foucault beschrieben hat, sind, ist evident. Auch wenn momentan einiges an Foucaults Studien über die Disziplinargesellschaft und ihre bestimmte Form der Machtausübung erinnert, so müssen wir doch klar feststellen, dass wir nicht mehr in einer Disziplinargesellschaft leben und dies hat sich schon lange vor dem Coronavirus gezeigt. Auch das Bild des kollektiven „Volkskörpers“, das Foucault am Begriff der Biomacht beschreibt, ist heute in Zeiten der Globalisierung zwar immer noch aktiv, aber dennoch verändert. Auf diese Veränderungen und Aktualisierungen der foucaultschen Konzepte haben viele Theoretiker*innen hingewiesen, im Folgenden möchte ich jedoch einen jener Ansätze näher darstellen, den ich für am wichtigsten in der aktuellen Zeit (auch schon vor der Pandemie) halte, nämlich das Konzept der Kontrollgesellschaften von dem französischen Philosophen Gilles Deleuze.

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Bifo II: Neue Aphorismen aus der Isolation

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Franco ‚Bifo‘ Berardi hat am 6. April 2020 den zweiten Teil seiner aphoristischen Tagebucheinträge abermals auf der Verso-Verlagsseite veröffentlicht. Bei der Besprechung der ersten Einträge habe ich bereits längere Bemerkungen und Überlegungen formuliert, bezüglich der spannenden Form, in der Bifo auf das sich entfaltende Ereignis Coronavirus und den weltweiten Reaktionen und Maßnahmen darauf reagiert.

Auch wenn Bifo mittlerweile einen Text üblicher Form im Rahmen der transversal Ausgabe Around the Crown publiziert hat, halte ich dennoch seine aphoristische, vorsichtige und flexible Form der tagbuchähnlichen Einträge für eine der geeignetsten Formen der Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation. Denn in diesen Einträgen mischen sich philosophische Bemerkungen und Thesen, mit Fundstücken aus gerade gelesenen Texten, persönlichen Anekdoten und aktuellen Entwicklungen und spiegeln damit die eigenartige und eben nicht klar trennbare Verwicklung persönlicher Betroffenheit, aktueller Ereignisse und dem Ringen nach einem Denken über das Ereignis, wieder, eine Verwicklung die viele von uns gerade erfahren.

Waren die ersten Einträge noch dominiert von dem Versuch das Ereignis und vor allem das Virus selbst zu verstehen, die massiven Maßnahmen gegen die Ausbreitung einzuordnen und sich mit dieser, vor allem in Italien, plötzlich dramatisch intensivierenden Situation auseinanderzusetzen, ist der zweite Teil der Einträge nun vor allem der Frage wie lange diese Situation unser Leben bestimmen wird gewidmet und was für ein danach es geben kann, besonders wenn man noch nicht einmal weiß wie lange es bis zu diesem danach dauern wird. Der zweite Teil ist auch wesentlich mehr von der persönlichen Situation Bifos bestimmt. Wiederkehrende Motive sind dabei seine Asthmaerkrankung, die Korrespondenzen mit Freund*innen aus aller Welt und verschiedenste Ausschnitte und Zitate aus gerade gelesenen Texten. Doch vor allem geht es Bifo auch in diesen Einträgen Lesen Sie mehr »

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