Butler: Die Frage der Gleichheit vor dem Virus

Dieser Beitrag ist Teil der Coronavirus und die Philosophie Serie. Einen Überblick über die weiteren Teile dieser Blogbeitragsserie gibt es hier.

Unter dem kurzen, aber dafür sehr direkten Titel: Capitalism Has its Limits publizierte eine der wichtigsten Denkerinnen der USA ihre ersten Einschätzungen und Analysen über den Coronavirus. Veröffentlicht am 19. März, auf dem Verso Verlagsblog befasste Butler sich schon bevor die Pandemie die USA mit der absehbaren vollen Wucht erreichte, mit den Auswirkungen des Virus nicht nur auf die Menschen sondern auch auf den gerade wütenden (Vor)Wahlkampf. Wer nun erwartet dass auch Butler, wie einige andere Philosophen*innen, die hier am Blog schon ausgiebig besprochen wurden (vor allem natürlich Agamben) manche ihrer großen und bekannten Konzepte und Begriffe heranzieht um sie sogleich um das Mega-Ereignisses Coronavirus umzuhängen und das Virus damit auch auf eine gewisse Art zu vereinnahmen, der irrt. Es geht Butler eben nicht darum zu zeigen, dass genau ihre Theorie dieses Ereignis bereits in seiner Vielfältigkeit begreifen und beschreiben kann, sondern Ziel ist die richtigen, sprich politischen Fragen zu finden, die es genau jetzt in dieser so außergewöhnlichen Krise zu stellen gilt.

Butlers Text ist in erster Linie eine klare und kämpferische politische Analyse, die das Problem Coronavirus aus einer US-amerikanischen Perspektive betrachtet und zwar vor allem aus der Sicht jener, die in den USA am wenigsten geschützt sind, jenen die in ihrer Prekarität den Auswirkungen des Virus aber auch den Maßnahmen gegen den Virus am meisten ausgesetzt sind. Dabei steht für Butler eben natürlich auch die Frage, was das Virus für den momentan herrschenden Wahlkampf in den USA bedeutet, im Fokus, denn genau dort spielte schon vor dem Auftauchen des Virus die Frage nach freier und allgemeiner Krankenversicherung eine große Rolle, eine Frage die gerade in einer Situation wie jetzt in ihrer Dringlichkeit nochmal deutlicher wurde.

Welche philosophischen Konzepte schließlich am besten geeignet scheinen, das Ereignis Covid19 zu beschreiben und zu analysieren, wird sich noch zeigen. Der politische Kampf, und hier liegt Butlers Fokus, um die Deutung dieser Krise aber auch für die Lehren und damit einhergehend die Veränderungen die es in Zukunft braucht, dieser politische Kampf muss nicht nur jetzt schon geführt werden, er ist vielmehr schon längst im Gange.

Die Mobilität des Virus und die Isolation der Körper

Gleich zu Beginn ihres Textes verweist Butler auf die eigenartige Situation in der wir uns in so vielen Staaten wiederfinden, nämlich dass wir mit einem Virus konfrontiert sind, das sich vor allem durch seine enorm hohe Ansteckungsrate auszeichnet, also unglaublich schnell und einfach von Mensch zu Mensch weitergegeben wird und sich dabei sowohl global ausbreitet, über alle Grenzen hinweg, als auch lokal innerhalb von Haushalten, Nachbarschaften und Städten. Das Virus ist also enorm „sozial“ und genau deswegen müssen wir uns in unsere Wohnungen zurückziehen. Das Virus ist enorm mobil, global aktiv, überschreitet Grenzen und dennoch werden die Nationalgrenzen, selbst innerhalb der EU, geschlossen. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Tragik, dass gerade wegen der unglaublichen Mobilität des Virus unsere Mobilität eingeschränkt werden muss. Butler dazu:

The imperative to isolate coincides with a new recognition of our global interdependence during the new time and space of pandemic. On the one hand, we are asked to sequester ourselves in family units, shared dwelling spaces, or individual domiciles, deprived of social contact and relegated to spheres of relative isolation; on the other hand, we are faced with a virus that swiftly crosses borders, oblivious to the very idea of national territory.

Gerade in den Texten der letzten Jahre hat sich Butler sehr eindringlich mit der Frage des Körpers in der Öffentlichkeit, des sich Riskierens im in der Öffentlichkeit Erscheinen, der Vulnerabilität des Körpers im politischen Raum, beschäftigt. Besonders im Kontext der sozialen Bewegungen der letzten zehn Jahre, die sich unter anderem durch Platzbesetzungen auszeichneten, vom Tahrir Platz bis zum Gezi Park aber auch aktuellen Kämpfen um den öffentlichen Raum in Chile und Hong Kong, wurde Politik – und dies ist bei weitem kein neues Phänomen sondern mehr eine Grundstruktur von Politik – durch das Erscheinen von Körpern im öffentlichen Raum gemacht und zwar durch das kollektive Erscheinen. Butler dazu in einem Vortrag von 2011 unter dem Titel: Bodies in Alliance and the Politics of the Street (hier online zu lesen)

[B]odies congregate, they move and speak together, and they lay claim to a certain space as public space. […] For politics to take place, the body must appear. I appear to others, and they appear to me, which means that some space between us allows each to appear. We are not simply visual phenomena for each other – our voices must be registered, and so we must be heard; rather, who we are, bodily, is already a way of being “for” the other […]. This happens most clearly when we think about bodies that act together. No one body establishes the space of appearance, but this action, this performative exercise happens only “between” bodies, in a space that constitutes the gap between my own body and another’s. In this way, my body does not act alone, when it acts politically. Indeed, the action emerged from the “between.”

Wie also schaut nun Politik in Zeiten der Pandemie aus, wie können wir Politik machen, wenn wir isoliert und getrennt in den Wohnungen sitzen, also genau nicht im öffentlichen Raum zusammentreffen können. Was ist mit denen, die eben genau keine Wohnung haben, also auch in der jetzigen Situation gezwungen sind im öffentlichen Raum zu bleiben und damit besonders Verletzlich sind? Wie schließlich lässt sich progressive Politik und vor allem die Frage der Gleichheit in dieser Situation nicht nur denken sondern praktisch durchführen. Butler dazu:

What are the consequences of this pandemic for thinking about equality, global interdependence and our obligations toward one another?

Die vermeintliche Gleichheit vor dem Virus

Im Angesicht des Virus muss also, so Butler, vor allem die Frage der Gleichheit gestellt werden. Theoretisch so schreibt Butler, wäre das Virus nicht biased, würde uns alle gleichermaßen angreifen. Vor dem Virus sind wir alle gleich, so hört man allzu oft von den verschiedensten Seiten. Doch auch wenn diese These noch so oft wiederholt wird, ändert dies nichts an ihrer grundlegenden Falschheit. Auch wenn prominente Multimillionäre in ihren Villen gerne schlecht ausgeleuchtete Handyvideos drehen und dabei zu #stayathome aufrufen und von den Vorzügen der erzwungenen „Entschleunigung“ schwärmen, sind wir nicht gleich vor dem Virus. In einer Villa isoliert zu sein oder in einer 30 Quadratmeter Wohnung sind nicht die gleichen Voraussetzungen. Mit noch mehr Stress und Gefahr, dafür aber beklatscht, im Supermarkt arbeiten zu müssen, während die Kinder nicht mehr in der Schule beaufsichtigt sind, ist eine fundamental andere Position als ohne Einkommensverlust im Home Office sich über weniger lange Meetings freuen zu können. Butler nun bringt in ihrem Text ebenfalls diese grundlegend problematische These der Gleichheit vor dem Virus. Sie schreibt:

The virus does not discriminate. We could say that it treats us equally, puts us equally at risk of falling ill, losing someone close, living in a world of imminent threat. By the way it moves and strikes, the virus demonstrates that the human community is equally precarious.

Doch natürlich ist Butler bewusst, dass in der Realität niemand gleich vor dem Virus ist. Diese Gleichheit, so Butler, sei eine rein theoretische. Denn die Ungleichheit der Gesellschaft führt auch zu einer Ungleichheit vor dem Virus. Nicht der Virus selbst diskriminiere, sondern die vielen Ausbeutungs‑, Herrschafts- und Ausschließungsmechanismen sorgen dafür dass die einen mehr und direkter und die anderen wenig bis kaum betroffen sind. Butler dazu:

Social and economic inequality will make sure that the virus discriminates. The virus alone does not discriminate, but we humans surely do, formed and animated as we are by the interlocking powers of nationalism, racism, xenophobia, and capitalism. It seems likely that we will come to see in the next year a painful scenario in which some human creatures assert their rights to live at the expense of others, re-inscribing the spurious distinction between grievable and ungrievable lives, that is, those who should be protected against death at all costs and those whose lives are considered not worth safeguarding against illness and death.

Ich halte diesen Ansatz für zu wenig tiefgreifend, weil er die Einschreibung dieser Ungleichheiten in die Körper, die Umwelt, das Leben und auch in unsere Krankheiten zu oberflächlich beschreibt. Es ist nicht nur die Frage wer jetzt gerade ausgesetzter ist, vielmehr schreiben sich all diese Ungleichheiten so sehr ein, dass die Gesundheit vieler Ausgeschlossenen schon angeschlagener ist bevor das Virus überhaupt kommt, und diese daher auch viel anfälliger für einen schweren Krankheitsverlauf sind. Auch scheint das Virus gefährlicher zu sein für jene Körper, die einer größeren Luftverschmutzung ausgesetzt sind, auch dies trifft wieder eine ganz bestimmte Gruppe an Leuten. Kurz die Ungleichheiten sind so gravierend und so tiefgreifend, dass wir nicht mal in der Theorie gleich vor dem Virus sein können. Wie Butler schreibt wirkt sich dies auch auf die Maßnahmen gegen das Virus aus, auf welche Körper kann verzichtet werden, welche Menschen werden nicht geschützt, nicht isoliert, nicht versorgt. Zentral ist aber, und darauf will Butler ja auch hinaus, die Ungleichheit vor dem Virus ist keine „natürliche Selektion“ und auch nicht zufällig, sie ist erzeugt und befördert durch die Ungleichheiten unserer Gesellschaft.

Wahlkampf im und gegen das Virus

Natürlich spielt das Coronavirus auch im US-(Vor)Wahlkampf eine immer größere Rolle. Butler verweist dabei mir Recht darauf, dass schon in den letzten Monaten eine der zentralen Auseinandersetzungen die Frage nach „universal healthcare“ war. Sanders und andere die diese Forderung vertreten, wurde dabei vor allem vorgehalten, dass solch ein Gesundheitssystem nicht finanzierbar wäre, beziehungsweise nicht rentabel. In der Reaktion auf das Coronavirus wurden nun enorme Hilfspakete verabschiedet und dabei wurde auch ein großer Teil in die gesundheitliche Vorsorge und Ausstattung gesteckt. Wäre das Gesundheitssystem in den USA nicht zum großen Teil privatisiert und anders organisiert, wäre die Reaktion und Vorbereitung auf das Virus leichter und effizienter gewesen und vor allem wären die Folgen die sich nun abzeichnen wahrscheinlich weniger gravierend. Butler verweist also darauf, dass gerade die momentane Krise die Richtigkeit und Wichtigkeit von Sanders Forderungen zeige. Dass Sanders schon beinahe aus dem Rennen zu sein scheint, sei daher besonders dramatisch, weil sowohl Biden als auch Trump nicht für ein freies und allgemeines Gesundheitssystem eintreten und damit auch außerhalb der momentanen Krise zahllose Menschen weiter in ihrer Prekarität belassen.

The new polls emerge that narrow the national choice to Trump and Biden precisely as the pandemic shuts down everyday life, intensifying the precarity of the homeless, the uninsured, and the poor. The idea that we might become a people who wishes to see a world in which health policy is equally committed to all lives, to dismantling the market’s hold on health care that distinguishes among the worthy and those who can be easily abandoned to illness and death, was briefly alive.

Die Hoffnung so Butler, sei allerdings und vor allem das die Idee einer allgemeinen und freien Gesundheitsversorgung diskutiert wurde, für einen Moment schien sie, in all ihrer Widerständigkeit und Angriffigkeit gegenüber Privatisierungsfetischismus und Profitgier dennoch möglich. Die Veränderung, so Butler, wird daher nicht durch eine Wahl passieren, sondern nun müssen, wie auch schon davor, die sozialen Bewegungen diese Idee weiter aufgreifen, verfolgen und am Leben halten. Denn, zumindest in den USA, so gibt sich Butler überzeugt, ist der Kampf für ein freies und allgemeines Gesundheitssystem auch ein Kampf gegen neoliberale Prediger und nicht zuletzt gegen kapitalistische Profitlogik, ein Kampf also den es sich auch nach der Coronakrise weiter zu kämpfen lohnt.

The ideal must now be kept alive in the social movements that are riveted less on the presidential campaign than the long term struggle that lies ahead of us. These courageous and compassionate visions mocked and rejected by capitalist “realists” had enough air time, compelled enough attention, to let increasing numbers – some for the first time – desire a changed world. Hopefully we can keep that desire alive.

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